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Surprise-Krimi
Folge 21: Zurück zum Start

Was bisher geschah: Vera Brandstetter fährt an den Ort zurück, wo der Mordfall Schwander seinen Anfang nahm, um einen Zeugen zu treffen, der das Opfer in einem rechtsradikalen Internetforum kennengelernt hat.

Brandstetter war froh, als sie den Computer ausschalten konnte, und ging zum Bahnhof. Es war Stosszeit, die Menschen hatten es eilig. In der S-Bahn eingepfercht fragte sie sich, wer von den Pendlern, die aufs Handy starrten und Stöpsel in den Ohren trugen, die im Forum vertretenen Ansichten teilte. Die streng geschminkte Enddreissigerin mit dem Pferdeschwanz, die Markenkleider trug? Der unscheinbare, alterslose Mann mit dem Monatshaarschnitt, der Fielmannbrille, den Versandhaushosen und der Allzweckjacke? Der glatzköpfige Fünfziger in der gefütterten Lederjacke, den Levis 501 und 250-Franken-Turnschuhen, dessen Augen unruhig durchs Abteil flitzten? Der Jugendliche mit dem schwarzen Kapuzenpulli und den grau gemusterten Tarnhosen?

Es war unmöglich herauszufinden, doch immerhin verkürzte ihr das Spiel die Reisezeit.

Brandstetter interessierte sich nicht für Politik. Die Linken redeten ihr zu belehrend daher. Ihre Ansicht, dass die Leute sich vernünftig und rücksichtsvoll verhalten würden, wenn man ihnen die Sache nur richtig erklärte, hielt sie für weltfremd. Weil sie nicht zurück an den Herd wollte und sah, dass soziale Einrichtungen eine positive Wirkung hatten, dass Frauenhäuser notwendig waren, konnte sie mit den Rechten, die sich immer in den Dienst der Reichen stellten, auch nicht viel anfangen. Abstimmungsunterlagen wanderten mit einem kurzen Anflug von schlechtem Gewissen ungeöffnet ins Altpapier, so wie bei der Mehrheit der Stimmberechtigten.

Als sie zum zweiten Mal innert einer Woche auf den Parkplatz beim Schnabelweiher fuhr, stand dort bereits der Mercedes, den sie vor dem Happy Valley Salon gesehen hatte. Der Mann, der ausstieg, trug einen teuren Anzug, der seine untersetzte Statur gut kaschierte, dazu blank polierte Lederschuhe. Sie fragte sich, was er sich dabei gedacht hatte, hier draussen abzumachen. Eine Volksweisheit besagte, dass der Täter an den Tatort zurückkehrt. Das hatte sich bei ihrer Arbeit nicht bestätigt.

«Wir können uns in meinem Wagen unterhalten, da sind wir ungestört», schlug Delbosco vor. Brandstetter zögerte einen Moment. Als kleines Mädchen war ihr eingebläut worden, nicht zu fremden Männern ins Auto zu steigen. Die schlechtesten Erfahrungen hatte sie allerdings gemacht, wenn sie zu Männern ins Auto gestiegen war, die sie kannte. Halsbrecherische Rauschfahrten mit Beinahunfällen, endlose Umwege, Zudringlichkeiten oder, zuletzt, das Stehengelassenwerden auf einem Restaurantparkplatz. Immerhin hatte sie dabei Thorsten kennengelernt.

«Sie sitzen vorne auf dem Beifahrersitz, ich steige hinten ein», sagte sie streng. Delbosco wollte etwas entgegnen.

«Sicherheitsvorschriften», log sie, und er gehorchte. Die Sitze waren mit cremefarbenem Leder bezogen, der Wagen roch angenehm neu. Das Autoradio war eingeschaltet, klassische Musik drang in angenehmer Lautstärke aus unsichtbaren Lautsprechern. In Gangster lmen war das eine Massnahme, mit der Tonaufnahmen verhindert werden sollten. Ob er daran glaubte?

«Ich bin kein Nazi, ich bin nicht einmal rechtsextrem, das möchte ich klarstellen», begann Toni Delbosco.

Brandstetter musste an den Kollegen denken, der sich mit politischem Extremismus befasste. «Rechtsextreme streiten grundsätzlich ab, rechtsextrem zu sein. Linksextreme hingegen verweisen stolz auf ihren exakten ideologischen Hintergrund, Anarchosyndikalisten wollen auf keinen Fall mit Leninisten-Maoisten verwechselt werden», hatte er ihr erklärt.

«Was ich in dem Forum gelesen habe, würde ich schon als extrem bezeichnen.»

«Sie haben wahrscheinlich nur die obersten paar Threads gelesen. Da gebe ich Ihnen recht, da tummeln sich allerlei Rechtsradikale. Ich interessiere mich ganz einfach für Geschichte. Für die Geschichte, die in der Schule nicht gelehrt wird, für die verbotenen Auslegungen und verheimlichten Wahrheiten, die in den Medien totgeschwiegen werden. Solche Sachen findet man zwangsläufig an den politischen Rändern. Die Linken haben zum Beispiel eine Menge über die konzentrierte Medienmacht und den militärisch-industriellen Komplex zu sagen, der die öffentliche Meinung manipuliert.»

«Haben Sie sich darüber mit Reto Schwander ausgetauscht?»

Delbosco schüttelte den Kopf.