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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 22: Die Weltverschwörung

Was bisher geschah: Um mehr über die politischen Ansichten des Opfers herauszufinden, trifft Vera Brandstetter in der Nähe des Tatorts dessen Bekannten, der sich als ziemlich paranoid herausstellt.

«Nein, unser Thema war das Finanzsystem», erklärte Toni Delbosco. «Reto hat sich dafür interessiert, und ich als Banker habe ihm Informationen und Hintergründe dazu geliefert.»

«Was hat das mit wehrhaften Patrioten zu tun? Wollten Sie etwa zum bewaffneten Kampf für das Bankgeheimnis aufrufen?»

«Ach was, uns geht es um die Hintergründe. Die Dominanz gewisser Kreise in der Bankenwelt.»

«Meinen Sie etwa die Juden?» fragte Brandstetter. Sie wusste, wie weit verbreitet die Verschwörungstheorien inzwischen waren, die bis vor ein paar Jahren nur Extremisten und Spinner geäussert hatten.

Delbosco verzog das Gesicht. «Auch, ja, schon. Es ist nicht zu bestreiten, dass überdurchschnittlich viele Akteure an den Finanzmärkten Juden sind. Das gilt auch für die Presse. Damit haben sie einen überdurchschnittlich starken Einfluss auf das Weltgeschehen.»

«Also, das verstehe ich jetzt nicht.» Brandstetter sah ihn an, als sei ihr das alles viel zu kompliziert. Die Masche wirkte. Welcher Mann kann schon widerstehen, einer Frau die Welt zu erklären?

«Denken Sie nur mal an die letzte Finanzkrise: Bear Stearns, Lehmann Brothers und vor allem Goldman Sachs. Alles jüdische Firmen. Dort liefen die Fäden zusammen. Goldman Sachs hat hochriskante Hypothekarprodukte verkauft und gleichzeitig auf den Zusammenbruch des Immobilienmarktes gewettet. Als der eintraf, haben sie Unsummen verdient und sind seither noch viel mächtiger geworden.»

«In Amerika wurde Trump gewählt, der öffentlich Sympathien für Neonazis und Antisemiten bekundet», wandte Brandstetter ein. Wenn sie daran dachte, hörte sie im Auto das «Echo der Zeit» oder schaute zu Hause «Zehn vor zehn». Sie dachte nur selten daran. Wegen Thorsten. Und Netflix.

«Das hätten Sie dem Buchhalter mal sagen sollen. Der wäre an die Decke gegangen. Trump war für ihn nichts anderes als eine Marionette des Finanzjudentums.»

«Wie bitte?» Das war nun selbst für einen Neonazi eine gewagte Theorie.

«Hören Sie, im Wahlkampf nannte Trump Goldman Sachs korrekterweise die globale Machtstruktur, welche die amerikanische Arbeiterklasse ausplündert und die Reichen reicher macht. Kaum gewählt, holte er die Leute in seine Regierung, Steve Mnuchin, Jude und ehemaliger Goldman-Partner, wurde Finanzminister. Nicht zu vergessen Jared Kushner und Trumps Tochter Ivanka, die konvertiert ist. Für Schwander gehörte Blocher übrigens zur selben Kategorie.»

Brandstetter musste lachen.

«Er hielt Blocher, der mit Finanzgeschäften schwerreich geworden ist, für einen Judenknecht. Der Israelitische Gemeindebund hat 2010 das SVP-Programm korrigiert. Die Partei ist klar pro Israel.»

«Glauben Sie das alles etwa auch?»

«Mit Glauben hat das nichts zu tun, das sind Fakten. Wissen Sie, was ich bei meiner Arbeit erlebe, gibt mir schon zu denken. Die Frage ist nicht, ob es zu einem Kollaps kommt, sondern wann. Die zerstörerische Energie der Finanzmärkte ist eine mächtige Waffe, mit der sich jede Regierung erpressen lässt.»

Delbosco sah einen Moment durch die Windschutzscheibe, ehe er sich wieder zu ihr umdrehte. «Haben Sie schon eine Spur, wer Reto umgebracht haben könnte?»

«Nein», gab Brandstetter zu. «Hat er Ihnen gegenüber je erwähnt, dass er sich bedroht fühlte?»

«Er hat sich für die Unabhängigkeitsbewegung in der Ukraine interessiert, wegen seiner Frau. Das brachte ihn potenziell in Konflikt mit den Russen, und die sind bekanntlich nicht zimperlich.»

«Gab es Probleme mit seiner Frau?»

«Nein, er war enorm stolz auf sie, hat mir immer wieder Fotos gezeigt.» Delbosco nestelte an seiner Krawatte. «Bitte behandeln Sie meine Aussage diskret. Ich arbeite für eine Privatbank. Wenn meine Ansichten bekannt würden, wäre ich sofort meinen Job los. Meinungsfreiheit gibt es in diesem Land nur für die Linken.»

«Machen Sie sich keine Sorgen», beruhigte Brandstetter.

Sie öffnete die Wagentür und stieg aus. Mit dem linken Fuss trat sie in eine Schlammpfütze.