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Illustration: Sarah Weishaupt

Surprise-Krimi
Folge 23: Eine Geschichtslektion

Was bisher geschah: Ein Bekannter des Opfers erklärt der Ermittlerin Vera Brandstetter sein Weltbild, das auf Verschwörungstheorien beruht. Sie müsste darüber lachen, wenn sie nicht ernst gemeint wären.

Trotz ihres nassen linken Fusses fuhr Brandstetter zur Hochhaussiedlung und klingelte bei Schwander. Der Summer ertönte, ohne dass sie ihren Namen genannt hatte. Sie nahm wieder die Treppe. Olena stand schon in der Wohnungstür und liess sie nur widerwillig eintreten. Sie setzten sich im Wohnzimmer auf die weissen Möbel, das Sofa und den Sessel. Auch diesmal bot Frau Schwander nichts zu trinken an.

«Die ukrainische Fahne in seinem, wie sagten Sie – Man Cave? Was hat es mit der auf sich?» Brandstetter hatte im Auto den umfangreichen Wikipedia­Eintrag zur Ukraine überflogen.

«Er hat sie mir zuliebe aufgehängt.»

«In dem Zimmer, zu dem Sie keinen Zutritt hatten?»

Olena Schwander verschränkte die Arme vor der Brust und starrte an Brandstetter vorbei. Sie war geschminkt, trug eine schwarze Lederhose und einen enganliegenden weissen Wollpullover mit Rollkragen, goldene Ohrringe und eine Kette mit schwerem Anhänger, die ihre Brüste zur Geltung brachte. Ziemlich aufwendig für eine trauernde Witwe, die abends um halb acht allein zu Hause sass. Brandstetter fragte sich, ob sie jemanden erwartete oder ob sie so tat, als könnte ihr Gatte jeden Moment heimkommen.

> «Ihr Mann war ein glühender Antisemit. Teilen Sie seine Ansichten?»

 

«Ich weiss nicht, was das Wort bedeutet.»

«Sie haben einen Masterabschluss in Deutsch. Sie wissen genau, was das bedeutet.»

Olena sprang auf. «Wissen Sie, was die Russen uns angetan haben? Den Holocaust, den kennen Sie, den kennen alle. Wissen Sie auch, was der Holodomor ist? Nein, natürlich nicht. Niemand weiss das. Das war der Hungerterror, dem zwischen 1932 und 1933 zehn Millionen Ukrainer zum Opfer gefallen sind.»

Sie stemmte die Fäuste in die Seite. «Das haben Sie wohl nicht in der Schule gelernt. Nie gehört, stimmt’s? Wir sind nicht wichtig, wir wurden an die Russen verschachert, die uns noch immer unterdrücken, während die Juden ein Land bekamen.»

«In der Ukraine gab es gewaltige Massaker an Juden», versuchte es Brandstetter, auch das wusste sie von Wikipedia.

«An Bolschewisten.» Olena setzte sich wieder. «Wir hielten die Deutschen für unsere Befreier, erst später wurde klar, was sie wirklich vorhatten. Mein Grossvater diente bei der 14. SS­Freiwilligendivision Galizien und starb im Juli 1944 in der Schlacht von Brody.»

«Hat Sie das mit Ihrem Mann verbunden, dass Sie beide Nazis waren?»

Die Frau atmete tief durch und setzte ihr eisigstes Lächeln auf. «Wir sind keine Nazis, wir sind Patrioten, darum werden wir unterdrückt und verfolgt, sogar in der Schweiz. Reto musste seine Meinung verheimlichen, wegen den Juden und den Roten, die den Staat beherrschen und keine andere Meinung dulden, genau wie damals in der Sowjetunion. Wir wollten uns in der Ukraine etwas aufbauen, doch seit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine ist mir nicht mehr wohl bei dem Gedanken. Reto hingegen wollte spätestens nach der Pensionierung weg aus der Schweiz, wegen der vielen Fremden.»

«Sie sind doch selber eine Fremde.»

«Ich bin nicht unaufgefordert hergekommen. Mein Mann hat mich in seine Heimat gebracht. Wir teilen dieselbe Kultur, dieselben Werte. Ich spreche Deutsch. Ich bin anständig, ich verursache keine Kosten und mache keine Probleme.»

«Sind Sie in der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung aktiv?»

«Nein, ich bin eine Frau.»

«Julia Timoschenko ist auch eine Frau.» An den kunstvoll geflochtenen Zopf der ukrainischen Politikerin erinnerte sich Brandstetter gut. Frau Schwander schaute auf die goldene Armbanduhr an ihrem linken Handgelenk.

«Hören Sie, Ihre Gesinnung ist mir egal. Ich will nur wissen, ob Ihr Mann vielleicht mit pro­russischen Kreisen in Konflikt geraten ist.»

«Nein. Wenn die Russen jemanden angreifen würden, dann meinen Vater oder meine Brüder in der Ukraine, wir sind als Nationalisten bekannt.»

«Wo waren Sie eigentlich, während Ihr Mann joggen war?»