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Surprise-Krimi
Folge 26: Das Lieblingskaninchen

Was bisher geschah: Vera Brandstetter taucht tiefer in die virtuelle Vergangenheit des Joggers ein, der beim Schnabelweiher erschlagen wurde. Neben Szenen einer glücklichen Ehe stösst sie auch auf eher unschöne Ausfälle gegenüber Andersdenkenden.

Zurück in ihrem Büro googelte Brandstetter das Unternehmen, für das sich Schwander interessiert hatte. Weit oben erschien eine Meldung der Handelszeitung. Der amerikanische Mischkonzern Palladium Inc. hatte vor gut einem Jahr die Comartec in Hölzlingen übernommen. Die Firma, in der der Tote gearbeitet hatte.

«Warum sagt mir das niemand?», schimpfte sie und wählte die Büronummer von Erika Hofmann, der Chefsekretärin der Comartec.

«Ah, Frau Brandstetter, haben Sie Neuigkeiten? Wissen Sie, wer Reto Schwander umgebracht hat?»

«Leider nein. Aber ich würde gerne etwas über die neuen Besitzer der Comartec erfahren», antwortete Brandstetter.

«Oje», entfuhr es Erika Hofmann.

«Haben Sie Zeit? Darf ich heute Nachmittag vorbeikommen?»

«Ich würde das lieber nicht im Büro besprechen. Besuchen Sie mich doch am Feierabend zuhause.»

Brandstetter zögerte einen Moment, es war Thorstens freier Abend. Meist gingen sie Essen oder ins Kino und sie übernachtete bei ihm. Erika Hofmann wohnte in Hölzlingen, es würde sich nicht lohnen, danach in die Stadt zurückzufahren. Sie sagte zu und rief Thorsten an.

«Warum gehen wir nicht Mittagessen? Ich lade dich ein», schlug er vor.

Sie war froh, dass er es nicht persönlich nahm, wenn sie keine Zeit für ihn hatte. Das war nicht selbstverständlich. Ihr Ex hatte jeweils geschmollt wie ein vernachlässigtes Kind, wenn sie ihn versetzen musste.

Weil bis zum Mittag noch etwas Zeit blieb, recherchierte sie weiter über die beiden Unternehmen. Auf der Homepage der Comartec gab es ein Kapitel «History», das auch in der deutschsprachigen Version so hiess. Der Wandel vom Familienbetrieb zur Aktiengesellschaft und schliesslich die Übernahme durch einen internationalen Konzern wurden als natürliche Entwicklung dargestellt. Der Hauptsitz war erst vor ein paar Jahren an den Standort Hölzlingen verlegt worden. Über das PalladiumKonglomerat selber war nicht viel zu erfahren. Der Internetauftritt war ausschliesslich englisch, das Kerngeschäft bestand in der Herstellung von Präzisionsmaschinen, dazu kamen Engagements in Industriezweigen, von denen Brandstetter nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab. Es waren Unternehmen, die Produkte herstellten, mit denen Produkte hergestellt wurden.

Um halb eins traf sie Thorsten in einem Restaurant, das nicht weit von der Hauptwache entfernt lag. Sie freute sich, ihn zu sehen, und bereute bereits, den Abend der Arbeit geopfert zu haben. Die jungen Wirte waren Bekannte von Thorsten, sie kamen an den Tisch, um Hallo zu sagen. Sie wussten nicht, dass sie Polizistin war. Hier wurde Wert auf Bio, lokale Küche und fairen Handel gelegt. Es gab eine grosse Auswahl an vegetarischen Gerichten. Brandstetter war im Alter von zehn Jahren Vegetarierin geworden. Ihr Vater hatte im Hinterhof Kaninchen gezüchtet. Eines Abends begriff sie, dass das, was auf dem Teller lag, ihr Lieblingsküngel war.

«Das esse ich nicht», hatte sie gesagt.

«Was glaubst du, woher Fleisch kommt? Von Tieren», hatte ihr älterer Bruder gespottet.

«Dann esse ich kein Fleisch mehr.» Sie hatte das Besteck neben den Teller gelegt und die Arme verschränkt. Der Vater wurde laut, sie blieb stur und bekam eine Ohrfeige. Er zwang sie, am Tisch sitzen zu bleiben, bis sie aufgegessen hätte.

Als die Mutter am Morgen in die Küche kam, schlief Vera sitzend am Tisch, den Kopf auf die Arme gebettet. Das Fleisch war unangetastet. Die Mutter schickte sie unter die Dusche. Vera hörte, wie die Eltern stritten. Danach wurde ihr kein Fleisch mehr geschöpft. Der Menüplan änderte sich nicht. Bei Brandstetters gab es keine Extrawurst und auch nicht extra keine Wurst. Von da an ass sie Beilagen.

Der Vater glaubte, sie würde schon wieder zur Vernunft kommen. Sie war im Wachstum, musste im Haushalt helfen und trieb viel Sport. Er war überzeugt, dass sie ohne Fleisch innert kurzer Zeit zusammenbrechen würde. Sie brach nicht zusammen und hatte seither keinen Bissen Fleisch gegessen. Und selten nachgegeben.

Nach einem Espresso gingen sie zu Thorsten. Sie erwachte erst um halb fünf wieder, duschte, zog sich an und geriet auf dem Weg zur Wohnung von Erika Hofmann in einen fürchterlichen Stau.