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Die Sozialzahl
Freiwilligenarbeit im Alter

Die Beisheim-Stiftung hat eine bemerkenswerte Studie über das freiwillige Engagement von Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte publiziert. Sie beruht auf Daten aus dem Freiwilligen-Monitor 2020. Demnach leisten 44 Prozent der 55- bis 74-Jährigen Freiwilligenarbeit in einem Verein oder in einer gemeinnützigen Organisation. Am häufigsten engagieren sich die älteren Personen in Sportvereinen, sozialen und karitativen Organisationen sowie in kulturellen Vereinen. Wer sich so engagiert, tut dies oft in mehreren Bereichen und Organisationen gleichzeitig. So kommen im Wochendurchschnitt 4.5 Stunden an sogenanntem formellem freiwilligem Engagement zusammen. Dabei arbeiten ältere Männer häufiger in Sportvereinen, Interessenverbänden und politischen Gremien mit, während sich ältere Frauen stärker in sozialen, kirchlichen oder ökologisch ausgerichteten Organisationen einsetzen.

Neben dieser formellen Freiwilligenarbeit engagieren sich 52 Prozent der 55- bis 74-Jährigen informell im näheren sozialen Umfeld. Im Vordergrund steht die Betreuung von Enkelkindern und betagten oder kranken Familienangehörigen. In der informellen Freiwilligenarbeit sind die Frauen häufiger und mit grösserem zeitlichem Aufwand engagiert als die Männer.

Die Studie der Beisheim-Stiftung zeigt, dass im freiwilligen Engagement älterer Menschen ein grosses Potenzial schlummert. Viele, die noch keine Freiwilligenarbeit leisten, haben ein Interesse, sich zukünftig zu engagieren. Besonders häufig wird dieser Wunsch von Ausländer*innen geäussert. Zudem steigt die Zahl der freiwillig arbeitenden älterenPersonen in den nächsten Jahren «automatisch» an, je mehr sich die Babyboomer-Generation in dieser Alterskategorie bemerkbar macht.

Diese Tendenzen sind für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft eine gute Botschaft. Entsprechend intensiv werden die Diskussionen über Care Communities geführt, also über sorgende Gemeinschaften in Dörfern und Stadtquartieren. Dabei werden idyllische Bilder gezeichnet, wo Menschen einander helfen, sich gegenseitig betreuen und pflegen. Doch darf zweierlei nicht vergessen gehen: Erstens bedeutet freiwillig zwar unbezahlt, aber für Organisationen, die Freiwillige vermitteln, ist dies mit finanziellem und personellem Aufwand verbunden. Und zweitens heisst freiwillig auch, dass für jene, die in den Genuss dieser Unterstützung kommen, kein Anrecht auf dieses Engagement besteht. Darum muss vor einem sozialpolitischen Trugschluss gewarnt werden – Freiwilligenarbeit ist kein Sparprogramm für den Sozialstaat. Im Gegenteil: Das grosse formelle und informelle freiwillige Engagement, gerade im sozialen und karitativen Bereich, braucht einen aktiven Sozialstaat. Das sieht man besonders gut bei der Betreuung älterer Menschen. Auch wenn die Familie, und vor allem die Familienfrauen, sich mit grossem Engagement zum Wohle der Betagten einsetzen, sollen sie nicht alles alleine machen müssen, sondern von gut ausgebildeten Fachkräften unterstützt werden. Nur wo Freiwilligenarbeit und eine vom Sozialstaat finanzierte Soziale Arbeit Hand in Hand gehen, kann eine gute Betreuung im Alter für alle gewährleistet werden.