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Moumouni...
... für mehr Widerstand

FATIMA MOUMOUNI findet Widerstand besser als Yoga und Knetbälle!

Ich bin in letzter Zeit ein wenig unausgeglichen. Angespannt. Hassig. Das hat viele Gründe. Wahrscheinlich mache ich zu wenig Yoga, bete zu selten für den Weltfrieden, von Räucherstäbchen wird mir schlecht und Knetbälle würde ich ständig verlieren.

Vor allem aber bekomme ich langsam Angst. Nicht um den Weltfrieden – der ist wohl schon längst verschenkt –, mehr vor Gewalt in meinem Umfeld, in Zürich, der Stadt, in der ich lebe, in meiner Heimatstadt München, in der Schweiz, in Deutschland, in Europa. Die grössten Sorgen mache ich mir dabei nicht einmal um meine eigene Sicherheit, nicht um einzelne Übergriffe, sondern um die Gewalt der schweigenden Masse. Darum, dass ich in einem Land, das stolz auf seine Neutralität ist, nicht sicher sein kann, dass sich Leute klar positionieren. Dass da, wo der Kompromiss vergöttert wird, keine kompromisslose Verurteilung von Unrecht stattfindet. Dass Leute, die aufgrund ihres Aussehens zum Beispiel keine Angst vor rassistischen Übergriffen haben müssen, sich auch nicht betroffen fühlen, wenn andere Gewalt erfahren. Dass die Zeit zu knapp ist für neue Kampagnen für Zivilcourage, denn Zivilcourage braucht Übung und Zeit, und es ist schon reichlich spät.

Ich habe in den letzten Wochen vermehrt von rassistischen Übergriffen auf Personen im öffentlichen Raum gehört. Auch auf Leute, die ich kenne. Auf Beistehende war in vielen Fällen kein Verlass. Eine Kollegin von mir hat letzte Woche beobachtet, wie ein junger Mann in den öffentlichen Verkehrsmitteln rassistisch angegangen wurde.

Als die Situation drohte, körperlich zu werden, ging sie dazwischen, und begab sich damit als Frau mit Migrationsgeschichte selbst in Gefahr. Aber was sonst? Um sie herum standen und sassen viele Weisse, die allesamt nichts taten, nichts sagten, während die beiden Täter weiter stichelten, erzählte sie. Fühlten sich nicht angesprochen, hatten kein Verantwortungsbewusstsein, schwiegen jedenfalls und wussten nicht, dass das wie Zustimmung klingt. Die Kollegin schrieb in den Sozialen Medien später: «Eure Bequemlichkeit ist unser Albtraum.»

Es gibt wenig Angsteinflössenderes als die Stille der Mehrheitsgesellschaft bei solchen Übergriffen. Ich musste lernen, für mich selbst aufzustehen, einzuschätzen, wie gefährlich eine Situation ist. Ich habe auch gelernt, für andere aufzustehen, denn das waren meine Freund_innen, meine Eltern oder Menschen, die schutzlos waren. Ich weiss, dass es nicht einfach ist. Ich weiss, dass auch ich immer wieder frustriert bin über meinen eigenen Umgang mit Situationen, in denen man schnell handeln muss, schlagfertig sein, die richtige Entscheidung treffen.

Aber ich weiss auch, wie wichtig ein ermutigendes Lächeln, ein zusammen Mitaussteigen, ein «Alles ok?», ein «Brauchst du was?» sein können. Man muss sich nicht immer selbst in Gefahr bringen. Oft reicht es schon, mit der richtigen Person solidarisch zu sein und es ihr zu zeigen.

Dass es immer mehr Übergriffe von Nazis gibt, an der Grenze Europas und mittendrin, heisst nicht nur, dass es ein paar gewalttätige Spinner gibt oder dass sie mehr werden, sondern vor allem, dass sie sich trauen zu machen, was sie wollen. Das liegt am fehlenden Widerstand, der ihnen entgegenschlägt. Machen Sie den Mund auf!