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Yemane Tsegaye: «Wenn ich am Arbeiten bin, fühle ich mich gesund» (Foto: Ruben Hollinger).

Strassenverkaufende
«Für mich gilt: Leben ist arbeiten»

Yemane Tsegaye, 57, verkauft Surprise am Berner Bärenplatz. Er ist eine Kämpfernatur – genauso wie sein derzeitiger Lieblingsfussballspieler von YB.

«Ich bin in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba aufgewachsen, habe dort bei einem Italiener Autoelektriker gelernt und arbeitete später in Äthiopien, Ruanda und Uganda für die UNO. Dass meine Eltern aus dem heutigen Eritrea stammten, interessierte bis in die Neunzigerjahre niemanden. Doch nachdem sich Eritrea die Unabhängigkeit von Äthiopien erkämpft hatte, wurden eritreischstämmige Leute wie ich in Äthiopien zunehmend schikaniert. Obwohl ich mit einer Äthiopierin verheiratet war, wurde ich des Landes verwiesen. Ich ging also nach Eritrea und versuchte dort zu leben. Bald schon wollte man mich dort zum Militärdienst zwingen. Das ging für mich gar nicht – da hätte ich ja früher oder später auf meine äthiopischen Brüder schiessen müssen.

Ich kehrte nach Äthiopien zurück und führte dank Schmiergeld zunächst ein freies Leben. Irgendwann funktionierte auch das nicht mehr. Als man mich schliesslich in ein abgelegenes Flüchtlingslager für Eritreer bringen wollte, nahm ich das Geld, das ich noch von den UNO-Einsätzen hatte, und flüchtete nach Europa. Seit 2011 lebe ich nun in der Region Bern.

Für mich gilt: Leben ist arbeiten. Deswegen habe ich mich nach meiner Ankunft sofort nach Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge umgeschaut und konnte bei der Reinigungsgruppe von Bernmobil anfangen. Nach ein paar Monaten wechselte ich zu Surprise, mittlerweile verkaufe ich das Strassenmagazin seit sieben Jahren. Ich bin glücklich, wenn ich arbeiten und mit Menschen in Kontakt treten kann, ich spreche gerne mit den älteren Leuten und mache Spässe mit den Kindern. Glücklich macht mich übrigens auch der Berner Fussballclub YB – ich verfolge die Spiele am Fernsehen, ab und zu leiste ich mir ein Ticket für das Stadion. Kevin Mbabu ist mein Favorit. Er gibt so viel Herzblut für sein Team. Schade, dass er YB verlässt, aber ich wünsche ihm viel Glück in Wolfsburg!

Wenn ich am Arbeiten bin, fühle ich mich gesund, zuhause spüre ich dann die Schmerzen, die ich fast am ganzen Körper habe. Es begann vor 25 Jahren, als ich in Ruanda nach dem fürchterlichen Genozid als Automechaniker einen UNO-Hilfskonvoi begleitete. Ich spürte, dass es mir nicht nur schlecht ging, weil wir so viel Schlimmes sahen. Ich musste den Einsatz abbrechen und mich in Addis Abeba im staatlichen Spital untersuchen lassen. Ich hätte Gallensteine und müsse operiert werden, hiess es. Während der Operation ging das Narkosemittel aus, und ich wachte auf. Als ich meinen offenen Bauch sah, drehte ich durch und beschimpfte die Ärzte. Die Folge: Sie nähten schnell zu und vergassen Watte und Schere in meinem Bauch. Wenn sie mich danach im Spital des russischen Roten Kreuzes nicht notoperiert hätten, wäre ich gestorben. Bis heute leide ich an den Folgen der verpfuschten ersten Operation. Eins hat danach das andere nach sich gezogen, die Leber funktionierte nicht mehr richtig, und wegen der Diabetes hätte ich fast das Augenlicht verloren. Nach Monaten im Spital und in der Augenklinik in Bern geht es mir heute viel besser, und ich kann wieder mit beiden Augen sehen. Ich bin allen Beteiligten unglaublich dankbar, dass sie mich so gut versorgt haben.

Zwischen den Klinikaufenthalten ging ich immer wieder zum Bärenplatz und verkaufte Surprise. Ich erhalte zwar jetzt eine IV-Rente, aber mir wäre es lieber, ich könnte wie früher selbst für mich sorgen. Ich würde gerne wieder als Autoelektriker oder -mechaniker arbeiten. Ich bin sicher, ich würde die neuen Systeme schnell verstehen, denn einmal Mechaniker, immer Mechaniker.»