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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
...für Unsicherheit

Wie verunsichert viele immer noch über «diese neue political correctness» sind! Dann das Verteidigen: Ein erschrockenes «Ich hab’s doch nicht so gemeint!» wird zum empörten «Warum sollte das plötzlich falsch sein?» wird zum trotzigen «Ihr seid zu empfindlich» wird zum weinerlichen Heraufbeschwören einer Zensur, die eine Gefahr für unsere lang erkämpfte Freiheit darstelle, die unschuldige Opfer fordere und und und. Ich muss nicht mit Leuten diskutieren, denen es egal ist, ob sie mit ihrer Sprache verletzen oder nicht. Schade finde ich es jedoch, wenn Leute, die auf keinen Fall rassistisch, sexistisch, homophob sein wollen, zu ungeduldig sind, ihren Sprachgebrauch (und die Reaktion darauf) zu hinterfragen.

Doch wer diagnostiziert sich schon gern eine Cis-hetero-kapitalistische Transphobie, postkolonial-klassistische Hegemonialbürgerlichkeit oder gar einen strukturellen Normativ-Ableismus? Niemand! Die meisten Leute wohl hauptsächlich, weil sie die Begriffe nicht verstehen, die ich ehrlich gesagt auch extra möglichst kompliziert zusammengewürfelt habe.

Dabei ist es gar nicht so kompliziert: Wir wachsen in einer Welt auf, in der Frauen um Minderheitenrechte kämpfen müssen, obwohl sie keine Minderheit sind, wo Homoliebe immer noch komisch scheint oder gar hart sanktioniert wird, während die Binarität der Geschlechter ad absurdum durchdekliniert wird, eine Welt, in der man in der Schule kaum etwas über koloniale Geschichte lernt (schon gar nicht über die der Schweiz) und Rassismus als nicht mehr existent oder überlebensnotwendige Natur des Menschen erklärt wird, in Schulklassen und an Arbeitsplätzen, die segregiert von Menschen mit Behinderungen sind, in einem Land, in dem Armut entweder als selbstverschuldet oder inexistent gehandelt wird. Es ist unter diesen Umständen fast unmöglich, nicht durch unhinterfragte «Normalität» sexistisch, homophob, transfeindlich, rassistisch, ableistisch (also Menschen mit Behinderung diskriminierend) und klassistisch zu sein.

Die Probleme sind strukturell, da stecken wir alle drin. Wer aber diese Umstände in persönlichen Beziehungen nicht verstärken will, muss zuhören und in den Spiegel schauen. Das ist verunsichernd: «Warum weiss ich nicht, wie eine Person mit Behinderung fragen, ob sie Hilfe braucht, ohne dabei übergriffig zu sein?», «Warum weiss ich nicht, wie mit Leuten mit Migrationshintergrund sprechen, ohne dass sie sich wie ein Zootier fühlen?», «Warum hat sich xy erst so spät geoutet?» Warum diese Unsicherheit nicht als produktiv wahrnehmen?

Dass man heute eher zurechtgewiesen wird als früher, liegt nicht daran, dass etwa plötzlich eine ausserirdische Armee von Sprachpolizist_Innen daherkam, die alles, was bisher richtig war, neu als «falsch» labelte, sondern daran, dass bestimmte Minderheitengruppen heute sichtbarer sind und (zumindest in der Schweiz) weniger eingesperrt und nicht mehr verbrannt oder gesteinigt werden. Es geht also um eine Demokratisierung. Denn Minderheitengruppen werden nicht nur von den «bösen Rechten», vom System oder sonst wem diskriminiert, sondern auch durch das Unwissen, die Unbeholfenheit und Naivität von Menschen, die ihr Herz eigentlich am rechten Fleck haben, aber sich eben leider nie genug in Unsicherheit über ihren Sprachgebrauch und ihre Privilegien begeben haben, um ihr Defizit zu beheben.