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Moumouni...
... geht es nicht um Brian

FATIMA MOUMOUNI verweist auf die Arbeit des Kollektivs #BigDreams, das auf dem Instagram-Account «mein_name_ist_brian» Journaleinträge von Brian veröffentlicht

In diesem Text geht es um Brian, aber irgendwie auch nicht. Es geht mehr darum, dass wir ihn «Carlos» genannt haben. Warum eigentlich? Brians Vater ist weisser Schweizer, aber «Carlos das Monster» klingt so schön abschiebbar! Das spiegelt sich zumindest in diversen Kommentarspalten wieder, in denen Carlos’ «eigentlich» brasilianische Nationalität heraufbeschworen wird. Die ethnisierte Wahl des Pseudonyms wirkt also.

Carlos, das klingt nach importierter Gewalt und nicht etwa nach einer Person, gegen die mehrere Schweizer Institutionen menschenrechtlich fragwürdige Praktiken angewandt haben – was ihn wohl mehr geprägt hat als sein vermeintlicher Latino-Migrationshintergrund: Schon mit 10 Jahren wurde Brian wegen des später als falsch erwiesenen Verdachts auf Brandstiftung in Handschellen von zuhause abgeführt und in Untersuchungshaft genommen. Mit 12 wurde Brian für acht Monate in einer Einzelzelle gehalten, obwohl das normalerweise nur Praxis für erwachsene Straffällige ist. Mit 16 wurde Brian nach zwei Suizidversuchen in einer psychiatrischen Klinik dreizehn Tage lang ununterbrochen ans Bett fixiert, während ihm starke Medikamente zwangsverabreicht wurden. Im Bezirksgefängnis Pfäffikon schlief Brian über zwei Wochen lang auf dem nackten Boden, frierend in einer unterkühlten Zelle.

Seit drei Jahren sitzt Brian heute in Isolationshaft, pro Tag 23 Stunden in einer speziell für ihn gebauten Zelle, eine Stunde wird ihm Ausgang gewährt – alleine und an Händen und Füssen gefesselt. Durch die Fesseln hat er offene Wunden. Brian schreibt in seinen Journaleinträgen häufig von einem eingewachsenen Zehennagel, den er nicht schneiden kann, weil er monatelang keinen Nagelklipper bekommt. Und von teils rassistischen Provokationen seitens seiner Wärter.

Nun könnte man fragen, was Brian getan hat, dass er so behandelt wird. Es geht hier aber nicht um Brian oder dessen Schuld, sondern darum, dass eine Einzelhaft über drei Jahre laut dem UN-Sonderberichterstatter für Folter Nils Melzer eben das ist: Folter. Und zudem geht es darum, dass genau das die zynische Präferenz ist von Leuten, die Wörter wie «Kuscheljustiz» benutzen, wenn es um einen Umgang mit Straftätern geht, der nicht allein auf Blutrache beruht. Was für ein archaisches Argument! Unsere Strafvollzugseinrichtungen sollen demnach also nicht dafür genutzt werden, dass der Mann niemandem mehr gefährlich wird (wie die 13 Monate in seinem Sondersetting), nein, unsere Steuergelder sollen lieber dazu benutzt werden, dass er auch bis in die Fussnägel spürt, was Macht und Stärke ist – in einem ziemlich teuren Sondersetting – wie dekadent!

Und wann geht es um die Opfer? Es geht um die Opferhaltung eines Staates, der einerseits schon mit den grössten Ver- brechern der Welt Geschäfte gemacht hat, aber seinen Bürger*innen andererseits allen Ernstes verklickern will, dass er naiv überfordert ist von einem einzelnen Jugendstraftäter.

Für alle, die dachten, in der Schweiz sei ein Gefängnis wie ein Hotel: Passt gut auf! Denn die Schweiz ist in Bezug auf Brian ein Staat gewordenes Schaf. Ein Staat gewordener Wolf im Schafspelz. Wir dürfen nicht aufhören hinzuschauen. Es geht nämlich nicht einfach um Brian, sondern um die Schweiz (die mit den Menschenrechten).