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Moumouni...
... geht in die Geschichte ein

Manchmal frage ich mich, welche Events meiner Zeit tatsächlich in die Geschichtsbücher eingehen werden. Wird es diese Kolumne sein, die wie ein genuschelter Bob­Dylan­Song die Welt verändert? Sind Poetry Slams das neue Woodstock?

Ich bereite mich schon auf die Fragen meiner Enkelkinder vor, habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht dabei war bei der grossen «Wir sind mehr»­Demo, bei der «wir» Party gegen rassistische Anschläge gemacht haben. Was waren «wir» laut damals! Oder kann ja sein, dass ich mal Zeitzeugin in irgendeiner Doku sein muss. Wär’ peinlich, wenn ich dann sag’: «Es muss Montag oder Dienstag gewesen sein, oder ein anderer Tag, ich weiss es ganz genau, ungefähr!» Ich frage mich, wie die Leute in Dokus sich so gut an Geschehnisse und Daten erinnern können und lade mir eine Gehirjogging­App herunter.

An jetzt werde ich mich wohl erinnern können. Die Welt ist im Chaos wegen der Grippe (inklusive Lungenkollaps), die umgeht. Man darf sich nicht mehr anfassen und kann sogar beim Desinfektionsmittel einkaufen krank werden. Wenn meine Kinder Fieber haben werden, werde ich ihnen sagen, nichts sei so schlimm wie das Coronavirus damals, das ich, mit meinen anderen Gspändli aus der «Generation Why», besiegt habe. Die aus der Boomer­Generation waren auch ganz ok, aber die haben nicht so viel Online­Content geliefert, um uns vor dem Tod durch Langeweile zu bewahren.

Ich mache mir genaue Pläne und To­do­ Listen, hauptsächlich, damit ich der Welt in ein paar Jahrzehnten genau erzählen kann, was ich so den ganzen Tag zuhause hätte treiben wollen. Vielleicht habe ich sogar tatsächlich mit 77 das Gefühl, 2020 sei mein produktivstes Jahr gewesen, weil auf den Plänen (die ich natürlich alle als wertvolle Dokumente aufhebe) steht, ich hätte drei neue Sprachen (darunter eine Programmiersprache) und Stricken gelernt, statt auf Veranstaltungen und im Kino herumzuhängen. Ich verfolge täglich das Ranking der schlechtesten Länder in den Zeiten der Krise. Hopp Schwiiz! Ich sauge alles auf, was in ein paar Jahrzehnten noch spannend sein könnte, weil ich das Gefühl habe, dieser Moment jetzt hat die grösste Wahrscheinlichkeit, in die Geschichte einzugehen. Die Generationen nach uns werden über die Pest lernen, «Die Liebe in Zeiten der Cholera» lesen und vom «Social Distancing in Zeiten von Corona» hören wollen.

Und wenn mich wer fragt, werde ich sagen: «Ja, ich erinnere mich gut. Der Regenwald war gerade an der einen Stelle abgebrannt, an der anderen fast gänzlich abgeholzt worden – da kam plötzlich die Frage auf: Dürfen wir, jetzt wo Corona, denn überhaupt noch Regenwälder abholzen und abbrennen? Kann da der Sicherheitsabstand noch gewahrt werden? Und als alle zuhause bleiben mussten, fragten wir uns, ob man dann nicht doch kurz raus kann, jetzt wo ja sonst niemand auf den Strassen war. Und als jemand die ältere Dame feucht anschrie, weil sie draussen war, wusste niemand, ob das jetzt ok ist, so aus Solidarität. Eine Zeit voller Dilemmas! Das mit den Flüchtlingen war auch ziemlich schlimm. Irgendwann war Corona sogar im grössten Flüchtlingslager der Welt angekommen, von dem wir gar nichts wussten. Aber ich war ja als Kunst­ und Kulturschaffende die am stärksten betroffene Gruppe und habe deshalb alle Kanäle mit meinem Corona­Content verstopft. Und was haben wir gelitten! Und was haben wir Livestreams geguckt!»