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Die Sozialzahl
Generation prekär

Lange Zeit galt der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung als schwierig. Es mangelte an genügenden und interessanten Lehrstellen. Diese Schwierigkeiten sind inzwischen überwunden. Im Moment ist es eher so, dass Firmen nicht mehr alle Lehrstellen besetzen können. Die neue Problemzone scheint heute der Übergang von der Berufsausbildung in den Arbeitsmarkt zu sein, zumindest für jene mit einem tertiären Abschluss, zum Beispiel an einer Universität oder Fachhochschule. Junge Erwachsene erleben diesen Übergang jedenfalls als eine prekäre Phase in ihrer Erwerbsbiografie. 30 Prozent der jungen Männer zwischen 15 und 39 und 35 Prozent der jungen Frauen in der gleichen Altersgruppe haben in dieser Lebensphase befristete Arbeitsverträge. 2010 betrugen diese Anteile noch 24 Prozent für die jungen Männer und 29 Prozent für die jungen Frauen. Wie sind diese Zahlen des Bundesamtes für Statistik zu interpretieren? 

Ist diese Entwicklung als eine schleichende Abkehr von normalen Arbeitsverhältnissen ohne zeitliche Begrenzung zu werten? Findet mithin im Zeichen der Digitalisierung also eine Prekarisierung der Arbeitswelt statt? Oder sind diese Zunahmen der befristeten Arbeitsverhältnisse nur die Folge eines steigenden Anteils von jungen Menschen mit einem tertiären Bildungsabschluss, für die schon immer galt, dass der Weg zu einer Festanstellung über befristete Arbeitseinsätze führt? 

Fest steht, dass Praktika, Volontariate und projektbezogene Anstellungen in akademischen Berufsfeldern immer häufiger zu beobachten sind. Der Fächer der Branchen ist dabei weit aufgespannt und reicht vom Sozial- und Gesundheitsbereich über die Architektur und Kultur bis zum Rechts- und Beratungswesen. Die Gründe sind vielfältig. Jungen Erwachsenen mit guter Ausbildung eröffnen sich heute so viele Berufswege, dass manche zunächst im Rahmen von mehreren Praktika verschiedene Möglichkeiten ausloten möchten, bevor sie sich für einen verbindlichen Schritt in das Arbeitsleben entscheiden. 

Unternehmen bieten Praktika an, damit junge Erwerbstätige nach ihrer eher praxisfernen Ausbildung die Realität eines Berufs kennenlernen können. Dass sie dabei von billigen Arbeitskräften profitieren, darf nicht verschwiegen werden. Ähnlich wie bei den Lehrstellen hängt die Frage der Rendite für die Firmen allerdings vom Aufwand, der für Einführung und Begleitung der Praktikantinnen und Praktikanten geleistet werden muss, und von der Dauer der Einsätze ab. Es überrascht daher nicht, dass es bereits Anzeigen für Praktikumsstellen gibt, in denen vermerkt wird: «Praktikumserfahrung erwünscht». 

Praktika gab es schon immer, aber die Akademisierung der beruflichen Ausbildung hat zu einer Ausdehnung der Branchen geführt, in denen solche «Einarbeitungsstellen» angeboten werden. In manchen Branchen kommt dazu, dass immer häufiger in Projekten gearbeitet wird. Dafür werden oft junge Erwachsene eingestellt. Gehen die Projekte zu Ende, geht auch das Arbeitsverhältnis zu Ende. Das Risiko der (vorübergehenden) Arbeitslosigkeit wird auf die jungen Erwerbstätigen abgewälzt. Die Betriebe hingegen können flexibel auf den Bedarf reagieren. Die Digitalisierung der Arbeitswelt macht die Projektarbeit einfacher. Sie kann über das Internet organisiert und koordiniert werden. Die Projektmitarbeitenden brauchen weder Arbeitsplätze noch Sitzungsräume. Diese Entwicklung wird sich weiter verstärken. Damit wird für viele junge Akademikerinnen und Akademiker der Weg zu einer «entfristeten» An- stellung länger, auch in der Schweiz.