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Gleichstellung verstehen lernen

Vor zwei Wochen gingen Frauen in der ganzen Schweiz für ihre Rechte auf die Strasse. Gleichberechtigung ist ein Begriff, den ich in meinem Alltag oft höre, und ich denke, dass ich eine gute Vorstellung davon habe, was er bedeutet.

Als ich das erste Mal damit in Kontakt kam, war der Begriff auf das Geschlechterverhältnis reduziert, auf die Gleichstellung von Mann und Frau. Das erste Bild, das ich damit verbinde, ist jenes eritreischer Frauen, die zusammen mit den Männern für die Unabhängigkeit ihres Landes gekämpft haben. Und damit auch für die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie haben damals das Eis gebrochen und das Bewusstsein für Gleichstellung in Eritrea damit erst geschaffen.

Diese Mentalität verbreitete sich in der Gesellschaft und wurde institutionalisiert, zum Beispiel im umstrittenen Nationaldienst, den Männer wie Frauen «zum Aufbau des unabhängigen Landes» leisten müssen. Na ja, man wird nicht gefragt, der Dienst ist bis heute Pflicht, seine Dauer theoretisch unbegrenzt – da geht es Männern und Frauen genau gleich. Der Nationaldienst ist zwar für viele ein Hauptgrund für die Flucht aus Eritrea, aber ich muss sagen, dass ich dadurch das Gefühl bekam, genauso viel zu leisten wie die Männer. Es gibt natürlich auch zentrale Themen in unserer Gesellschaft, bei denen noch viel getan werden muss: Chancengleichheit in der Schule etwa, sexuelle Gewalt, Zwangsheirat und Frauenbeschneidung.

Als ich noch in Eritrea lebte, kamen manchmal Frauen aus dem Westen zu Besuch und erzählten uns unter anderem von der Gleichstellung von Frauen und Männern. Interessant fanden wir, dass Hausarbeit im Westen auch von Männern gemacht wird. Obwohl vor allem wir Frauen es sehr gut fanden, dass die Männer im Haushalt helfen, gab es auch Dinge, die wir schwer zu akzeptieren fanden. Ich erinnere mich gut an eine meiner Tanten, die in Deutschland lebte. Ihr war es peinlich, uns zu sagen, dass ihr Sohn, der mit einer deutschen Frau verheiratet war, auf die Kinder schaute, während seine Frau zur Arbeit ging. Das war für uns ein Tabu. Er tat uns leid, denn in unserer Wahrnehmung hatte ein Mann, der nicht die Rolle des Ernährers einnimmt, keine Autorität. Gleichwohl waren wir begeistert. Wir wollten wie die westlichen Länder sein, und unsere Männer sollten uns endlich auch im Haushalt helfen.

Als ich auswanderte, dauerte es ein bisschen, bis ich begriff, wie es um die Gleichstellung von Mann und Frau hier in der Schweiz steht. Am Anfang war es verwirrend: Wir Eritreerinnen machten Witze darüber, dass die Männer in der Schweiz wie die Frauen in Eritrea sind.

Ich wollte mehr erfahren und besuchte Seminare zum Thema Gender. Ich hoffte, dort etwas darüber zu lernen, wie die Gleichstellung von Mann und Frau zu erreichen wäre. Das war sehr optimistisch und unrealistisch, wie ich jetzt weiss. Am Anfang waren diese Seminare nicht leicht für mich, wegen der Sprache, aber auch wegen meines eigenen kulturellen Hintergrundes und meiner Erwartungen. In den Seminaren ging es um Dinge wie die Zuordnung von Geschlechtern, Geschlechteridentitäten und Orientierungen. Das alles war total abstrakt, und ich verstand nichts.

In Wahrheit hatte ich vor allem viel zu viele Stufen der Gleichstellungsdebatte übersprungen. Die Diskussion hier ist weit weg von mir, sie thematisiert Dinge, mit denen ich mich nicht leicht identifizieren kann. Ihr Ausgangspunkt ist nicht meiner, schliesslich ist die Gleichstellung von Mann und Frau hier schon erreicht. Wobei das auch nur auf dem Papier stimmt. Wenn es immer noch nicht gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit gibt, wenn sexuelle Gewalt Alltag ist, wenn Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Rasse oder Ethnie diskriminiert werden, dann war meine Vorstellung von den westlichen Ländern wohl nicht ganz richtig. Dann ist es wohl doch ein globales Thema.