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Foto: Christian Aeberhard (www.christian-aeberhard.ch)

Zusammenleben
Grenzen der Solidarität

Solidarität gilt als wirksames Mittel im Kampf gegen das neue Coronavirus. Meinen wir es ernst damit, können wir unser Miteinander über die Krise hinaus zum Besseren verändern.

Simonetta Sommaruga, Angela Merkel, der König von Spanien: Regierungsoberhäupter weltweit rufen die Menschen zu Solidarität auf. Zeitungen, Radiostationen und das Internet multiplizieren den Ruf millionenfach. «Solidarität ist der beste Wirkstoff», «Solidarität gefordert», «Welle der Solidarität» – so und ähnlich titelten Schweizer Medien schnell nach dem Lockdown des Bundesrates. 

Indem wir Rücksicht nehmen auf die Alten und Kranken unter uns, können wir die rasante Verbreitung des Virus stoppen, die Spitäler vor dem Kollaps bewahren und Menschenleben retten. Dieses Narrativ, verkündet von Politik und Wissenschaft, bestimmt seit Wochen unser Denken und Handeln. Es erscheinen Porträts von «Alltagshelden», die für Alte und Kranke den Einkauf erledigen. Millionen von Menschen bleiben zuhause, verzichten auf Besuche bei Freunden und Familie. Klatschen auf den Balkonen für das Pflegepersonal. Gemeinsam klopfen wir uns aus der Ferne auf die Schultern: Wir sind solidarisch!

Die Kehrseite dieses fast schon heimeligen Schulterschlusses in der Krisenzeit: Über den Landesgrenzen kreisende Armeehubschrauber und patrouillierende Soldaten, um die Grenzen dichtzuhalten; vom Virus schwer betroffene Länder wie Italien, die von ihren Nachbarstaaten weitgehend alleingelassen werden. An den Aussengrenzen Europas sitzen weiterhin Zehntausende von Menschen unter katastrophalen Bedingungen in Flüchtlingslagern fest, dem Virus schutzlos ausgeliefert. Und Ende März hat das Bundesamt für Justiz mitgeteilt, die Soforthilfe für minderjährige Asylsuchende in griechischen Camps zu stoppen.

In dieser Situation stellen sich die Fragen: Wem gilt unsere Solidarität, wen erreicht sie und wo macht sie Halt? Und was bin ich bereit herzugeben, damit wir gemeinsam ein besseres Leben haben? Vor genau diese Frage stellt uns auch Covid-19. Gesunde und junge Menschen überstehen die Krankheit, soweit bisher bekannt, in der Regel unbeschadet und ohne Komplikationen. In vielen Fällen vergeht sie vermutlich ganz ohne Symptome oder ähnelt nur einer leichten Erkältung. Menschen der Risikogruppen jedoch trifft der Virus mit zerstörerischer Kraft. Sie erkranken an schweren Lungenentzündungen, ersticken, viele von ihnen sterben. In Italien haben bisher zehn Prozent aller positiv getesteten Personen die Krankheit nicht überlebt. Sars-CoV-2 ist ein Virus, das nicht nur unser Immunsystem, das Gesundheitssystem und die Wirtschaft auf die Probe stellt. 

Wer wird ausgeschlossen?
Die Sozialwerke, die internationale Katastrophenhilfe oder Entwicklungshilfe, sie alle sind auch Ausdruck von Solidarität. Immer öfter, so scheint es, stösst diese in einer globalisierten Welt aber an Grenzen. Flüchtlingsorganisationen fordern seit Langem die Schliessung der völlig überfüllten Flüchtlingslager an den europäischen Aussengrenzen und eine Verteilung der Menschen innerhalb der EU. Klimaaktivistinnen verlangen die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und mehr Unterstützung für wirtschaftsschwache Länder. Sie alle appellieren mit ihren Forderungen an die Solidarität der Privilegierten mit den Schwachen und Verletzlichen. Doch nur allzu oft verklingen die Appelle bei der Mehrheit der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträgern folgenlos. Das Weiterbestehen der Flüchtlingslager und die steigende CO2-Konzentration sprechen eine eindeutige Sprache.

Zugleich macht sich in Europa seit geraumer Zeit eine neue Solidarität breit, deren Verfechter zunehmend von rechter Seite kommen. Es sind die xenophoben Gegner der Globalisierung, die nach einer eng gefassten und nationalen Solidarität verlangen. Einer Solidarität von denen innen gegenüber denen aussen, die ausschliesst, wer anderer Meinung, Herkunft oder Hautfarbe ist. Heinz Bude spricht in seinem Buch «Solidarität: Die Zukunft einer grossen Idee» von 2019 von einem aktuell tobenden «Kampf der Solidaritäten», der sich insbesondere am Thema der Zuwanderung zeige. Wo also reiht sich die aktuelle Solidaritätswelle ein, welche die Schweiz in Stillstand hält? Ist eine inklusive, weit gefasste Solidarität gemeint? Oder ist sie exklusiv und ausgrenzend? 

Beim Blick in die Berichterstattung der Medien zeigt sich ein enges Bild. Im Fokus steht die Mehrheitsgesellschaft: Ein Eishockey-Profi erzählt von seiner Erkrankung, eine Lehrerin vom Heimunterricht, ein Arzt von überfüllten Stationen, eine arbeitslose Coiffeuse von ihren Einkäufen für die alten Nachbarn. Sie alle sind zweifellos von der Krise stark betroffen. Doch viele blinde Flecken tun sich auf. Wanderarbeiterinnen, Sans-Papiers, Obdachlose, Geflüchtete. Unsere Mitmenschen im nahen und entfernten Ausland. Sie alle sind allenfalls Thema, doch zu Wort kommen sie kaum.

Wie unser Handeln das Ganze beeinflusst
Es sind oft die Zeiten von Krisen, in denen die Linien neu gezogen werden. Zwischen denen, die dazu gehören und denen, die draussen stehen. Solidarität war in der Geschichte über Jahrhunderte für Angehörige des eigenen Stammes und der Familie reserviert. Vielleicht fällt es uns deshalb am einfachsten, mit jenen Solidarität zu zeigen, die uns räumlich, sozial und kulturell am nächsten sind. Weil Solidarität eben immer auch eine Gemeinschaft voraussetzt. Begrenzt sie sich aber auf die Menschen innerhalb der Landesgrenzen mit derselben Abstammung, ist es zum Nationalismus nur ein kleiner Schritt.

Die Aufforderung von Bundespräsidentin Sommaruga kann ein Impuls sein, doch verordnen lässt sich Solidarität nicht. Soll sie die Pandemie überstehen, dann müssen wir uns in Empathie üben und daran arbeiten, die Grenzen unserer Solidarität zu erweitern. Am Ende aber ist sie nur so viel wert, wie sie auch zu Taten führt. 

Möglichkeiten dazu gibt es viele: Wir können jene Menschen anrufen, von denen wir denken, dass sie einsam sind. Wer weiterhin Lohn verdient, spart viel Geld, das gerade jetzt Hilfswerke dringend gebrauchen können. Unterschriftensammlungen fordern die Aufnahme von Minderjährigen aus griechischen Camps. Gabenzäune dienen als Kleider- und Lebensmitteldepots für Armutsbetroffene. 

Die aktuelle Pandemie ist Gefahr und Chance zugleich. Es ist verständlich, dass betroffene Länder sich beim Ausbruch des Virus zuerst auf die eigenen Interessen konzentrieren, wir uns zuerst um uns selber sorgen, um unsere Freunde und Angehörigen. Entscheidend ist der nächste Schritt: Wächst daraus eine nationale Abschottung oder realisieren wir deutlicher denn je, dass wir alle eng miteinander verknüpft auf demselben Planeten wohnen?

Vielleicht lernt uns Sars-CoV-2 auch noch eine andere Lektion. Indem wir zuhause bleiben und erleben, wie als Folge davon das Virus abflacht, erfahren wir ganz direkt, wie jede und jeder Einzelne einen Unterschied machen kann. Wie unser Handeln das grosse Ganze beeinflusst und über die Zukunft bestimmt. Der Glaube an die Macht des Einzelnen, gepaart mit gelebter Solidarität, die nicht Halt macht an Landesgrenzen: Das wäre eine Kombination mit Sprengkraft, weit über die Zeit der Pandemie hinaus.