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Serie zur IV
«Guten Tag, Sie sind gesund»

Alle sind sich einig, dass Tanja Domic psychisch krank ist – bis jemand anonym das Gegenteil behauptet. Die Frau verliert ihre IV-Rente und stürzt ab.

Tanja Domic* wartet im schmucklosen Bahnhofsbuffet eines Zürcher Vororts, die Tasse Kaffee vor sich hat sie bereits leer getrunken. «Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen», sagt sie. «Aus Angst vor dem Gespräch.» Das war noch vor der Corona-Krise, vor dem Bleiben-Sie-zuhause-Aufruf des Bundes, doch für Domic spielt das keine Rolle. Sie verlässt das Haus praktisch nie, und wenn sie es doch tut, kann es gut sein, dass sie den Einkaufskorb im Coop stehen lässt und Hals über Kopf zurück in die Wohnung stürmt. Hat sie den Vorhang richtig zugezogen? Wirft er gleichmässige Falten? Befindet sich der Abschluss auf gleicher Höhe mit dem Fenster? «Solche Dinge beschäftigen mich den halben Tag lang», sagt sie. Sonst sei sie eigentlich ganz normal. «Das Problem ist, dass ich meine Aussetzer nicht kontrollieren kann.»

Die Zwangsstörung ist die Folge einer psychischen Erkrankung. Die Psychiaterin von Domic spricht von einer Persönlichkeitsstörung mit wiederkehrenden schweren Depressionen. Ihre Spitex-Betreuerin, die sie wöchentlich sieht, sagt: «Während wir sprechen, putzt sie oft wie im Wahn. Es gibt ihr Sicherheit, die Kontrolle über gewisse Dinge zu behalten, wo sie doch sonst im Leben oft machtlos war.»

Die Ursprünge der Krankheit von Domic gehen weit zurück. Die heute 58-Jährige wurde mehrfach Opfer häuslicher Gewalt. Ihr Ex-Mann war gewalttätig und misshandelte sie – einmal drohte er ihr vor der gemeinsamen zweijährigen Tochter mit dem Tod, worauf Domic barfuss über eine Feuerleiter elf Stockwerke ins Freie flüchtete. Zudem verlor sie dreimal ein ungeborenes Kind. Aufgrund solcher Ereignisse attestieren die Ärzte ihr verschiedene Traumata.

Happige Vorwürfe

Vierzehn Jahre lang waren sich alle einig, dass Domic psychisch schwer krank ist. Sieben umfassende medizinische Gutachten und dreizehn Arztberichte wurden in dieser Zeit angefertigt. Im Januar 2010 bestätigen die Behörden letztmals die volle IV-Rente. Weniger als ein Jahr später erhält Domic erneut Post von der IV: Schon wieder soll ihr Gesundheitszustand überprüft werden. Was sie nicht weiss: Grund für die neuerliche Rentenrevision ist ein anonymer Hinweis, der bei der IV-Stelle Zürich eingegangen ist. Dieser wird einen Stein ins Rollen bringen, der Domic am Ende die IV-Rente kostet.

Die in der anonymen Meldung gemachten Vorwürfe sind happig: Domic mache mit dem Geld von der IV Ferien in Thailand. Sie habe sich eine Schönheitsoperation geleistet und ermögliche ihrem Lebenspartner ein schönes Leben. Ausserdem verdiene sie gutes Geld als Domina.

Die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter bei der IV sind alarmiert, denn das passt nicht ins Bild, das sie aufgrund der Akten von Domic haben: eine Frau mit sozialen Ängsten, die meist zuhause ist und aufgrund ihrer Vergangenheit ein gestörtes Männerbild hat. In einem internen Feststellungsblatt heisst es, dass die Angaben in der anonymen Meldung «zwar nicht gesichert» seien, aber «Zweifel an der Stimmigkeit des Dossiers» bestehen blieben.

Daraufhin studiert der Vertrauensarzt der IV die Akten. Dieser kommt zum Schluss, dass verfügbare Arztberichte zwar mit den Angaben von Domic (die über einen Fragebogen zu ihrem allgemeinen Gesundheitszustand befragt wurde) übereinstimmten. Im Widerspruch dazu stehe allerdings die anonyme Meldung. Statt diese zu prüfen oder mit Domic das Gespräch zu suchen, empfiehlt er zur «Klärung des Sachverhalts» ein externes Gutachten. Ein solches gibt die IV sodann in Auftrag. «Bitte berücksichtigen Sie die in der anonymen Meldung gegebene Information», heisst es darin. Zuständiger Gutachter ist ein in Hamburg praktizierender Psychiater, der zu diesem Zeitpunkt erst seit kurzer Zeit in der Schweiz tätig ist. Jeweils auf Auftrag des Swiss Medical Assessment and Businesscenter (SMAB) fliegt er in die Schweiz. Dieses auf IV-Gutachten spezialisierte Unternehmen wurde von der IV mit den Abklärungen beauftragt. Weil Domic auch über Rücken- und Kopfschmerzen klagt, soll sie dort zusätzlich von einem Neurologen sowie einem Orthopäden untersucht werden.

«Das war ein Verhör»

Der Psychiater erfüllt die Vorgabe der IV und macht die anonymen Informationen zum Hauptbestandteil seiner Untersuchung. Das legen die Akten nahe, die Surprise vorliegen. Domic habe erst «bei insistierendem Nachfragen und Konfrontation mit Akteninhalten» relevante Sachverhalte eingeräumt, steht darin.

Domic erinnert sich noch gut an das Gespräch, das dem Psychiater als Grundlage für das schriftliche Gutachten diente. Nach Fragen zu ihrer Kindheit habe der Arzt umgeschwenkt. «Er fragte mich: ‹Wollten Sie sich verschönern lassen?›» Später habe er wissen wollen, wie es in Thailand gewesen sei. Zudem verlangte er ihren Reisepass und holte während des Gesprächs eine Zeugin hinzu. «Zur Verifizierung der Angaben», wie der Psychiater später im Gutachten begründete. Domic sagt, sie sei völlig überrumpelt gewesen und habe sich wegen diesem Misstrauen zurückgezogen. «Das war kein Gutachten, sondern ein Verhör.»

Für das Gespräch mit Surprise im Bahnhofsbuffet hat Domic ihre Spitex-Betreuerin mitgenommen. «Nicht persönlich nehmen, aber Sie sind nun mal ein Mann.» Sie spricht viel und schnell – und verheddert sich zunächst, es entstehen Widersprüche, die sich aber erklären lassen, wenn man sich die Zeit nimmt, sich die teilweise intimen Hintergründe erklären zu lassen – von ihrer Betreuerin, ihrer Psychiaterin, ihrer Anwältin. Bei der angeblchen Schönheits-OP handelte es sich um eine Wiederherstellungs-Operation nach der Geburt ihrer Tochter – unter der asymmetrischen Brust habe sie psychisch stark gelitten. Für die Kosten kam die Krankenkasse auf. Als Domina betätigte sich Domic ein einziges Mal und verdiente damit 120 Franken. Ihre Psychiaterin hatte ihr wegen dem gestörten Männerbild dazu geraten. Mit ihrem Partner lebt sie platonisch zusammen. Von all ihren Reisen ins Ausland wussten die Behörden. Von solchen Hintergründen erfährt der Psychiater nichts – auch weil Domic sich dem Gespräch wegen dessen forscher Vorgehensweise zunehmend verweigert. Im Gutachten benutzt der Psychiater die «eingeräumten Lebensumstände» als Hauptbeweis dafür, dass Domic nicht schwer depressiv sein kann. Auch eine posttraumatische Belastungsstörung stellt er in Abrede. Beide Schlüsse zieht er allein aufgrund des rund einstündigen, offensichtlich harzig verlaufenden Gesprächs. Tests führt er keine durch, auch Auskünfte holt er keine ein. Obwohl sein Befund in diametralem Widerspruch zur langjährigen Krankheitsgeschichte steht, schreibt der Gutachter Domic gesund. Sie leide lediglich an einer leichten Depression und sei zu 80 Prozent arbeitsfähig.

Nach dem Termin beim Psychiater ahnt Domic Schlimmes – tags darauf nimmt sie sich eine Anwältin. Diese verlangt von der IV die vollständigen Akten. Erst jetzt erfährt Domic von der anonymen Meldung. Ihr ist schnell klar, dass diese von einem abgewiesenen Verehrer stammen muss, mit dem sie einst befreundet war. Diesem hatte sie sich zunächst in langen Gesprähen anvertraut. Später, als er Avancenmachte, habe sie ihn zurückgewiesen und den Kontakt abgebrochen.

 

Keine Chance vor Gericht

Vier Monate später hat Domic wieder ein Schreiben der IV im Briefkasten. «Guten Tag», beginnt die Verfügung zur Einstellung der Invalidenrente. «Aus unseren Abklärungen geht hervor, dass sich der Gesundheitszustand von Frau Domic verbessert hat.»

Gegen diesen Entscheid wehrt sich Domic. Doch sie scheitert vor dem Zürcher Sozialverwaltungs- und später auch vor Bundesgericht. Den Einwand, der Gutachter habe eher wie ein Detektiv ermittelt, als dass er den Gesundheitszustand von Domic abgeklärt hätte, weisen die Gerichte zurück. Die Aufgabe des Gutachters sei es durchaus, die Aussagen der Versicherten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, gerade weil die Betroffene psychisch krank sei. Dass ihm dies gelungen ist, stellen sie nicht in Zweifel. Genauso wenig stört sie der Widerspruch zwischen dem Befund des Psychiaters und der jahrelangen Krankheitsgeschichte. Es liege im Ermessen des Gutachters, ob er für die Diagnose behandelnde Ärzte kontaktiere oder Tests durchführe, heisst es. Dem Gutachten wird «volle Beweiskraft» attestiert.

Nach dem Bescheid der IV verschlechtert sich der Gesundheitszustand von Tanja Domic: Zwei Monate verbringt sie stationär in einer psychiatrischen Klinik. Gegen die schwere Depression nimmt sie zusätzlich zu ihren Antidepressiva starke Medikamente. Wieder zuhause, kommt einmal wöchentlich die Spitex, die sie bis heute beansprucht. Auch körperliche Beschwerden häufen sich, ausserdem geht Domic öfter zur Psychiaterin. «Ihre Gesundheitskosten sind nach der Ausmusterung durch die IV ungefähr um den Faktor 20 gestiegen», sagt diese.

Gesund ist Tanja Domic auch heute einzig in den Akten der IV. Domic lebt von der Sozialhilfe, ihre Psychiaterin schreibt sie regelmässig krank. In besseren Phasen trinkt sie mit einer Freundin Kaffee, besucht den Flohmarkt oder spaziert auf einen nahegelegenen Hof, wo sie die Pferde streichelt. «Als Kind wollte ich Berufsreiterin werden», sagt sie. In schlechteren Phasen verschanzt sie sich zuhause. Eine solche hat sie, als der Lockdown vorbei ist und alle anderen wieder nach draussen strömen. Surprise würde die verantwortliche IV-Stelle gerne mit dem Fall konfrontieren. Doch Domic, welche die Öffentlichkeit nicht selber gesucht hat, zweifelt. Und unterschreibt die dazu nötige Vollmacht nicht. Sie lässt ausrichten, dass es keinen Sinn mache. Nichts mache Sinn.

Domic will einen Schlussstrich unter den jahrelangen, erfolglosen Kampf für die Anerkennung ihrer Krankheit ziehen. Andere wehren sich. Bei der Organisation Inclusion Handicap melden sich zahlreiche Menschen, die angeben, Opfer von Gutachter-Willkür geworden zu sein. Nachdem der Dachverband der Schweizer Behindertenorganisationen kürzlich eine entsprechende Meldestelle eingerichtet hat, waren es innerhalb von 24 Stunden deren 80. «Wir vermuten, dass die bisher bekannt gewordenen Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind», sagt Sprecher Marc Moser.

Fachleute sind sich sicher, dass das Unrecht bei der IV System hat. Einerseits häuft sich die Kritik an den medizinischen Gutachten, die für die Rentenvergabe zentral sind. So wurde vor Kurzem publik, dass einzelne Ärzte alleine mit IV-Gutachten in den letzten Jahren mehrere Millionen Franken verdienten. Ausserdem wird es vor allem für psychisch Kranke immer schwieriger, sich gegen falsche Gutachten zu wehren. «Gerichte korrigieren IV-Entscheide praktisch nie», kritisiert der Zürcher Anwalt Philip Stolkin, «es kommt höchstens zu Rückweisungen an die Vorinstanz.».

Während nun mehrere Politikerinnen und Politiker für unabhängigere Gutachten sorgen wollen, fordern Ärztinnen und Therapeuten Wiedergutmachung für Betroffene wie Tanja Domic. «Das ganze Ausmass der Falschbegutachtungen in den letzten rund zehn Jahren ist unbekannt. Das muss nun aufgearbeitet werden, Fall für Fall», sagt der Kardiologe Michel Romanens, Präsident des Vereins Ethik und Medizin Schweiz (VEMS).

* Name der Redaktion bekannt


Millionen für falsche Gutachten

«Dank IV: Ärzte scheffeln Millionen»: Diese Schlagzeile machte vor einem halben Jahr die Runde. Der Sonntagsblick hatte aufgedeckt, dass einzelne Gutachter von der IV in den letzten Jahren bis zu drei Millionen Franken kassierten. Manche hatten Patienten nie gesehen, arbeiteten mit Copy-Paste oder stuften praktisch niemanden als arbeitsunfähig ein. Daraufhin beschloss das nationale Parlament Verbesserungen bei der Transparenz: In Zukunft müssen Gespräche bei Gutachterinnen aufgezeichnet werden. Zudem werden von der IV Statistiken verlangt, welche Gutachter beauftragt werden und wie die Resultate ausfielen. Ob das reicht, ist umstritten, denn viele Gutachterinnen sind nach wie vor wirtschaftlich von der IV abhängig. Weil sie pauschal pro Fall bezahlt werden, bestehe zudem der Anreiz für ein «psychiatrisches Speed-Dating».

«Das System IV»

Die Zahl der Renten ist in den letzten zehn Jahren zurückgegangen, die Schulden der IV bei der AHV werden abgebaut. Ein Erfolg? Manche sprechen von einem «unmenschlichen System», das auf Kosten kranker Menschen spare. In einer vierteiligen Serie beleuchten wir die Hintergründe. Hinweise zur Recherche: andres.eberhard@strassenmagazin.ch

  • Teil 1: Sparen bei den Kranken
  • Teil 2: Richter als neue Mediziner
  • Teil 3: Das Geschäft mit den Gutachten
  • Teil 4: Die IV unter Druck – wie weiter?