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Challenge League
Hasan und Khzer

Von Mitte Dezember 2016 bis Mitte Januar 2017 drehte ich für mein Filmstudium

an der F+F Schule für Kunst und Design Zürich den Dokumentarfilm «Der Jeside, Die Jesidin». Er dauert 12 Minuten und beschreibt die Lage einer Familie im Norden des Irak, die vor dem IS geflohen ist. Damals kamen meine Eltern extra aus dem Iran nach Irakisch-Kurdistan, um mich zu sehen. Aber ich war Tag und Nacht bei der Arbeit und nahm nur hin und wieder meinen Vater mit zum Dreh. Meine arme Mutter blieb fast immer im Hotel zurück, weil ihr Fuss schmerzte.

Während der Dreharbeiten fielen mir die vielen Zelte und Hütten entlang der Strassen der nordirakischen Stadt Erbil auf. Auf manchen fand sich das UNHCR-Kennzeichen, das Symbol des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen. Hier fristeten Vertriebene und Geflüchtete nun ihr Leben, schön geordnet in Reih und Glied. Manche lebten auch im Freien. Diese Lager inspirierten mich zu einem weiteren Film, den ich «Down by Islamic State» genannt habe. Es ist mein erster langer Dokumentarfilm.

Der Film erzählt unter anderem die Geschichte von Hasan (64). Er kommt ur- sprünglich aus Afrin, der kurdischen Stadt im Norden Syriens, die seit Kurzem unter Beschuss türkischer Truppen steht. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien floh die Familie zuerst nach Damaskus, danach nach Duhok im Nordirak, von dort nach Mosul und schliesslich hierher nach Erbil. In Mosul wurde sein erwachsener Sohn von Islamisten verschleppt, nachdem er in einer Apotheke Kurdisch gesprochen hatte. Damals, im Jahre 2014, war die Stadt Mosul in der Hand des sogenannten Islamischen Staats. Aus Angst vor dem IS floh die Familie danach ins Hoheitsgebiet der kurdischen Autonomieregierung. Der Sohn blieb in der Gewalt der Islamisten.

In Erbil baute Hasan mit seiner Familie eine kleine Hütte, einen einfachen Bretterverschlag, am Rande der Stadt. Die Nachbarn versorgen sie mit Strom und Wasser. Manchmal stoppt ein Auto neben dem Haus und jemand bringt Essen für die Familie. Auf diese Weise können die Grosseltern und die Kinder des verschleppten Sohnes knapp überleben.

Sechs Kilometer entfernt, am Rande eines anderen Stadtteils, wohnt Khzer (53),
ein Christ aus dem Süden des Irak, mit seiner Familie. Auch sie sind vor dem IS geflohen. Vor der Flucht besassen sie mehrere Geschäfte und Restaurants und gehörten zu den Reicheren in ihrer Gegend. Nun wohnen sie in einem Flüchtlingslager, wo es medizinische Versorgung, Essen und Arbeit gibt. Khzer ist einer der Wächter des Lagers, die von den Peshmerga unterstützt werden. Seine Familie kocht für das Neujahrsfest, Khzer hilft dabei. Die christliche Familie feiert das Neujahr 2017 mit Feuerwerk und Tanz in der Stadt Erbil.

Hasan aus Afrin hat keine Lust zum Feiern. Er wartet auf seinen vom IS verschleppten Sohn. Trotz aller Schwierigkeiten kümmern sich die Grosseltern rührend um die Enkelkinder. Am späten Abend geht die Mutter mit ihrer Tochter und ihrer Schwiegertochter kurz raus: Ein Auto hat am Strassenrand angehalten, jemand hat Essen gebracht. Nun kann der Grossvater am Neujahrsfest für die Kinder grillieren. Ein bisschen Hoffnung zeigt sich auf seinem Gesicht, als er später in der untergehenden Abendsonne den Grill und das Zubehör reinigt. Die Kinder können am ersten Abend des neuen Jahres mit vollem Magen schlafen gehen.

Khusraw Mostafanejads Kurzfilm «Der Jeside, Die Jesidin» ist auch auf YouTube zu sehen: www.youtube.com/watch?v=YrxAbbEjCKo