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Die Schweiz schreibt
Heilsames Schreiben

Frauen schreiben im Magazin Mascara der kirchlichen Gassenarbeit über ihr Leben auf der Strasse. Ungeschminkt.

Schon seit 1992 erscheint das Magazin Mascara, gegründet von der kirchlichen Gassenarbeit Bern. Es war das Jahr, als am Kocherpark eine der grössten offenen Drogenszenen Europas geräumt wurde. Mascara war eines jener Projekte, die im Anschluss daran entstanden, damit die Süchtigen eine Anlaufstelle hatten und nicht ganz in die versteckte Szene abrutschten. «Heute ist das Ziel von Mascara, Frauen einen geschützten Raum zu geben, in dem sie schreibend ihrem oft von Gewalt, Sucht oder Armut geprägten Alltag entfliehen können. Und das Magazin sensibilisiert die Öffentlichkeit für die Probleme dieser Frauen», sagt Eva Gammenthaler von der kirchlichen Gassenarbeit Bern. «Das Leben auf der Gasse ist für Frauen besonders schwierig, daher ist es uns so wichtig, ihnen diesen Rückzugsort zu bieten.»

Vorgaben beim Schreiben gibt es keine. Ausser, dass die Texte anonym sein müssen und darin keine Namen genannt werden dürfen, um sich selbst zu schützen und keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Die authentischen, fantasievollen und oft auch erschütternden Erfahrungsberichte von Frauen, die einen Grossteil ihres Lebens auf der Gasse verbringen, werden alle drei Monate in Handschrift publiziert. «Das Schreiben gibt Anstoss zur Selbstreflexion. Oft fällt es leichter, traumatische Erlebnisse aufzuschreiben, als diese auszusprechen. Mascara ist ein niederschwelliges Angebot, damit wir möglichst viele Frauen erreichen können», sagt Gammenthaler.

Die Texte handeln aber häufig auch von ganz alltäglichen Dingen, von den eigenen Kindern etwa oder von der Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Diskriminierung der Frauen sei an den Schreibnachmittagen ein so grosses Thema gewesen, dass man sich am Frauenstreiktag spontan den Demonstrationen auf der Strasse angeschlossen habe, erzählt Gammenthaler. «So kann Mascara auch dabei helfen, sich selbst wieder eine Stimme zu geben. Und zwischen den Frauen wächst eine Solidarität: Eine Frau hat zum Beispiel für eine andere deren Hund gehütet, als diese im Entzug war.»