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Challenge League
Hört auf zuzuschauen!

Ich schreibe viel zu spät an meiner Kolumne, da ich völlig kraftlos bin, seitdem ich täglich Nachrichten über die Gräueltaten der türkischen Armee und ihrer islamistischen Verbündeten in Afrin sehe. Ich habe deshalb diesen Monat die Sozialen Medien gemieden, weil ich nur noch Bilder und Videos der Gräueltaten gegen Zivilisten sah. Nur bei Facebook habe ich mich manchmal eingeloggt, damit ich anderen weitergeben konnte, was ich wusste. Mehrere Male habe ich meine Freunde in Afrin angerufen, um sie zu fragen, was bei ihnen vorging. Solch schreckliche Gewalt ist unvorstellbar. Und das vor aller Augen, schliesslich werden die Bilder ungefiltert und unmittelbar über das Internet in alle Welt verbreitet. Am Schlimmsten traf mich der 3. Februar, als ich ein Bild von einer zerstückelten Kämpferin der YPG mit abgeschnittenen Brüsten sah. Es war morgens etwa um zehn Uhr und ich war zu dem Zeitpunkt an der Filmschule. Ich verstand nichts mehr, weil es mich so sehr schockte. Gleichzeitig wirkte das Geschehen um mich herum zunehmend surreal. Um elf Uhr stritt ich mich mit der Lehrerin und verliess den Unterricht. Ich ging zum Bahnhof, um nach Hause zu fahren, doch dann sass ich nur stundenlang am Bahnhof und dachte nach.

Ich empfand die Taten als Beleidigung gegen die ganze Menschheit. Und ich fragte mich: Warum sagt, warum tut niemand etwas dagegen?

Seit 2012 tobt der Krieg in Syrien. Erst, im sogenannten Arabischen Frühling, gingen die Leute auf die Strasse und wollten von vorn anfangen. Sie wollten keine Diktatur mehr. Anfangs wusste jeder noch, wer da gegen wen kämpft. Klar widersetzten sich die Leute Bashar al-Assad. Heute aber blickt kaum noch einer durch. Erst die Freie Syrische Armee. Danach der sogenannte Islamische Staat. Dann die Kurden gegen den Islamischen Staat. Dann mischten sich die USA und Russland ein. Und nun träumt auch noch Erdogan davon, in die Fussstapfen der osmanischen Sultane zu steigen und Syrien zurückzuerobern. Und alle sagen, dass sie den Terrorismus bekämpfen wollen. Dabei waren es doch die Kurden, die im Norden Syriens und im Irak den Islamischen Staat besiegt haben. Dafür waren sie im Westen bejubelt worden. Plötzlich aber durfte der Nato-Staat Türkei mit westlichen Waffen die kurdischen Helden in Afrin angreifen. Sie haben die Stadt geplündert und Hunderttausende in die Flucht getrieben, sie haben Frauen und Kinder getötet, Wasserleitungen stillgelegt und das Spital angegriffen. Das geschah vor den Augen aller. Und kaum jemand sagt etwas dagegen. Warum sehen alle schweigend zu, obwohl die Sozialen Netzwerke von schrecklichen Bildern nur so überquellen? Sind der Krieg und das Blutvergiessen zur Normalität worden, oder haben wir die Menschlichkeit vergessen?

Wir ahnen: Dahinter stecken ökonomische Interessen. Es geht um Erdöl und Waffenhandel. Davon profitieren der Westen und auch Russland, das fleissig jene unterstützt, die gegen den Westen sind. Iran will, dass Assad an der Macht bleibt, damit er weiter Milizen wie die Hizbollah züchten kann. Und die Türkei will um jeden Preis eine souveräne kurdische Entität verhindern. Und dazwischen sterben Kinder, Frauen, Männer, ganze Generationen.

Wir dürfen aber nicht schweigen, wenn Unschuldige sterben. Hunderttausende sind aus Afrin geflüchtet. Ganz im Interesse der Türkei übrigens: Nicht nur bekommt sie einen Milliardenbetrag, um die Fluchtroute nach Europa zu blockieren, sie nutzt ihre Schlüsselposition auch dazu, die Kurden vor den Augen des schweigenden Westens gleich ganz zu vernichten. Europa sollte besser gegen diese Politik der Türkei Widerstand leisten, oder sich darauf einrichten, bald noch viel mehr Menschen aus dem Nahen Osten hier ankommen zu sehen.