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Die Schweiz schreibt
Humanitär lesen

Seit drei Jahren organisiert Autorin Dana Grigorcea in Zürich Benefiz-Lesungen für Menschen auf der Flucht.

Wer sich auf ein gutes Buch einlässt, begibt sich auf eine Reise, während der man gefahrlos eine andere Welt kennenlernt und danach in sein gewohntes Leben zurückkehrt. Diese Vorzüge sind Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg oder Armut verlassen mussten, nicht vergönnt. Ihre Reise ins Ungewisse ist voller Risiken und endet oft an der griechischen Küste. «Als uns etwa vor drei Jahren die schlimmen Bilder von Flüchtlingen erreichten, die dort aus dem Wasser gezogen wurden, habe ich mich gefragt, ob meine schriftstellerische Tätigkeit noch relevant ist in diesen Zeiten», sagt die mehrfach ausgezeichnete schweizerisch-rumänische Autorin Dana Grigorcea, die unter anderem 2015 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den «3sat Preis» gewann.

Vor drei Jahren startete sie in Zürich eine Benefiz-Lesereihe zugunsten der Hilfsorganisation Schwizerchrüz. Jeden Monat werden mehrere Autorinnen und Autoren eingeladen, unentgeltlich aus ihren neusten Büchern zu lesen. So waren dieses Jahr bereits Franz Hohler, Ruth Schweikert oder Lukas Bärfuss zu Gast. Im Mai wird unter anderem Simone Meier lesen, im Juni Peter Stamm. Die meisten ihrer Gäste kennt Grigorcea persönlich. «Die deutschsprachige Literaturszene ist übersichtlich und man erfährt, wer an neuen Büchern schreibt.»

Immer wieder höre sie, dass sich die Schweizer Schriftsteller kaum politisch äussern. «Aber allein die Tatsache, dass so viele bei diesen Lesungen für Menschen auf der Flucht mitmachen, ist doch ein klares politisches Statement.» Für die 1979 in Bukarest geborene Autorin und Philologin, die mit ihrer Familie in Zürich lebt, ist Literatur per se immer politisch. «Die Suche nach dem treffenden Ausdruck ist ein politischer Akt. Zur Politik gehört die Befähigung des Einzelnen, seine Stimme zu erheben. Kunst ist politisch, weil es die Reflexion des Einzelnen – Künstlerin oder Kunstgeniesser – hervorbringt.» In ihrem neuen Buch «Über Empathie» geht Grigorcea der Frage nach, ob uns Kunst zu einem besseren Menschen macht. Ihre Antwort darin lautet ganz klar: «Ja!»