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Strassenverkäufer*innen
«Ich bete oft für meine Gesundheit»

Yemane Berhe Hagos, 55, verkauft in Zürich beim Coop an der Gutstrasse das Surprise und wünscht sich, dass auch seine Kinder in der Schweiz leben dürften

Ich heisse Yemane Berhe Hagos, bin 55 Jahre alt und lebe seit neun Jahren in der Schweiz. Ursprünglich komme ich aus einer kleinen Stadt in Eritrea. Dort musste ich fünf Jahre ins Militär. In Eritrea ist der Militärdienst fast wie ein Gefängnis. Dein Leben ist fremdbestimmt, und du weisst oft nicht, wie lange das noch so geht. Als ich es nicht mehr ausgehalten habe, bin ich in den Sudan und von dort über Libyen und das Mittelmeer in die Schweiz geflohen. Damals wusste ich nicht, auf was ich mich einlasse. Würde ich jetzt in mein Land zurückkehren, wäre ich dort ein Verbrecher, man würde in Gefängnis werfen. Das macht die Regierung mit den meisten Soldaten, die das Land verlassen. Darum bin ich sehr froh, dass ich in der Schweiz leben darf. 

Meine Frau, meine 17-jährige Tochter und mein 15-jähriger Sohn leben noch immer in Eritrea. Ich vermisse meine Kinder sehr. Ich habe sie seit neun Jahren nicht mehr gesehen, der einzige Kontakt läuft über sporadische Telefonate. Ich befürchte, dass auch mein Sohn schon bald in den Militärdienst eingezogen wird. Ich wäre glücklich, wenn meine Kinder auch in die Schweiz kommen könnten. Meine Frau möchte aber das Land nicht verlassen. Sie möchte lieber, dass ich Geld nach Hause schicke. In Eritrea war ich Schreiner und konnte diese Arbeit zuerst auch in der Schweiz verrichten. Seit vier Jahren leide ich jedoch an Diabetes, ich muss mir jeden Tag Insulin spritzen und habe psychische Probleme, die ich mit Medikamenten behandeln muss. Es schmerzt mich, dass so fast kein Geld mehr für meine Kinder übrigbleibt. 

Zum Glück lebt meine älteste Tochter bereits in der Schweiz. Sie kam mit ihrer Tante, als ich in Eritrea noch im Militär war. Meine Tochter absolviert hier eine Ausbildung. Das macht mich sehr stolz. Leider habe ich ausser ihr nicht sehr viele Bekanntschaften in der Schweiz. Sie ist zwanzig Jahre alt und hat langsam aber sicher ihr eigenes Leben. Daher bin ich oft allein. Mit meinem Gesundheitszustand ist es sehr schwierig, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. 

Weil ich nicht mehr als Schreiner arbeiten konnte, verlor ich noch mehr Kontakte. Seit einem Jahr bin ich nun für Surprise tätig. Ich verkaufe nicht schlecht, und ich bin froh, dass ich neben der Unterstützung des Sozialamts auch ein paar Franken dazu verdienen kann. Aber mir geht es primär nicht um das Geld. Ich musste einfach wieder aus dem Haus und mit Leuten sprechen. Wenn ich immer zuhause sitze und an meine Vergangenheit, meine Kinder oder an meine angeschlagene Gesundheit denke, werde ich noch verrückt. Ein einfaches Hallo zu meinen Kund*innen macht schon sehr viel aus, so banal das klingen mag. 

Vor Corona besuchte ich oft eine eritreische Gemeinde. Vielen Leuten aus Eritrea ist ihr christlicher Glaube wichtig, und sie treffen sich gerne in der Kirche. Ich ging häufig auch allein in die Kirche, um zu beten. Nun lese zuhause in meiner Bibel oder höre eritreische Musik. Das hilft mir meistens auch.

Leider macht sich mein Gesundheitszustand auch beim Surprise-Verkauf bemerkbar. Laufen bereitet mir Mühe und manchmal beginne ich zu zittern, stürze wie aus dem Nichts zu Boden. Wenn ich einen solchen Anfall habe, kann das manchmal sehr kurz, manchmal aber auch lange gehen. Es kommt schon mal vor, dass ich während zwanzig Minuten völlig weg bin und die Ambulanz gerufen werden muss. Mein Arzt hat mir empfohlen, nicht zu viel draussen zu sein. Aber für meine Psyche sind frische Luft und die Begegnungen beim Surprise-Verkauf wichtig. Ich bete oft, dass sich dieses Dilemma irgendwie lösen lässt und mein Gesundheitszustand sich bessert. Ohne Gesundheit keine Arbeit, und ohne Arbeit kein Leben. Leider ist das so.