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Foto: Bodara.

Strassenverkaufende
«Ich bin froh, dass ich eine Maske tragen darf»

Marius-Sorin Lacatus, 30, hätte gerne Naturwissenschaften studiert; jetzt wartet er auf ein Wunder.

«Ich heisse Marius-Sorin Lacatus und lebe seit zwei Jahren in der Schweiz. Ursprünglich komme ich aus Rumänien. Dort bin ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen, die nächste grosse Stadt mit einer richtigen Schule war 50 km entfernt. Dies ist ein Grund, weshalb ich nur die Grundschule besucht habe. Den meisten Familien fehlt das Geld, um die Kosten der weiteren Schulbildung zu stemmen, geschweige denn, um die Reiseund Unterhaltskosten der Kinder beim Schulbesuch in grösseren Ortschaften zu finanzieren.

Ich war sehr traurig, als ich meine Ausbildung beenden musste. Gerne hätte ich Mathematik, Chemie oder Geografie studiert. Meiner Familie fehlte nicht nur das Geld für die Schule, mein Vater erkrankte mit nur 33 Jahren an Diabetes und später an einer chronischen Pankreatitis. Daher musste ich als ältester Sohn sehr früh für meine Familie sorgen. Ich verdiente unser Geld als Hilfsarbeiter und Tagelöhner.

In Rumänien kann das Leben sehr hart sein, wenn du keine wohlhabende Familie und somit keine gute Schulbildung hast. Viele vergessen aber, dass man auch in der Schweiz mit diesen Voraussetzungen hinten anstehen muss – sozial und im Arbeitsmarkt. Als Saisonarbeiter verdiente ich knapp 3200 Franken pro Monat, obschon ich elf Stunden am Tag schuftete, inklusive samstags.

Vor einiger Zeit habe ich endlich eine Stelle in einer Verpackungsfirma gefunden. Auch dort waren die Arbeitsbedingungen hart, aber fair. Leider bekam ich bald Probleme mit den Bandscheiben und darf nun laut Arztzeugnis nicht mehr als 10kg heben. Dies ist mit dieser Stelle leider nicht kompatibel – darum muss ich schauen, wie es weitergeht.

Um doch etwas Geld zu verdienen, verkaufe ich Surprise in Winterthur, Hombrechtikon und Egg. Mir gefällt, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen. Ich verbringe viel Freizeit mit den Surprise-Kolleg*innen, zum Beispiel beim wöchentlichen Fussballtraining. Die Leute aus dem Team sind für mich ein wichtiger Familienersatz geworden. Auch auf der Strasse begegnen mir die Leute meistens mit Respekt. Als ich das erste Mal Hefte verkaufte, machte ich mir grosse Sorgen. Ich konnte nicht viel mehr als «Grüezi» sagen, trotzdem waren die Leute sehr nett, korrekt und gaben sich Mühe, mich zu verstehen. Das schätze ich sehr. Leider ist der Verkauf aufgrund der Corona-Pandemie stark zurückgegangen. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich im Moment eine Maske tragen darf. Ich schäme mich, wenn die Leute meine schlechten Zähne sehen. Daher versuche ich, mein Gesicht so wenig wie möglich zu zeigen. Früher hielt ich oft das Heft vor mein Gesicht. Mit der Maske geht das Verstecken meiner Zähne einfacher.

An meiner vererbten Zahnkrankheit leide ich, seit ich denken kann. Ich habe schon fast die Hälfte meiner Zähne verloren. Mein Zahnfleisch ist oft geschwollen und die Zähne sind regelmässig entzündet – das ist sehr schmerzhaft. Wenn es so weitergeht, werde ich im Alter von 35 Jahren keine Zähne mehr haben. Eine Behandlung inklusive Operation und Zahnimplantate würde über 40 000 Franken kosten. Als ich realisierte, dass ich auch mit einem «Schweizer» Lohn wahrscheinlich niemals genug sparen kann, um mir meinen Traum von gesunden Zähnen zu ermöglichen, traf mich das hart. Bisher konnte ich für alle Lebensherausforderungen immer eine Lösung finden. Bei meinen Zähnen scheint das nicht so. Aber als Optimist hoffe ich doch, dass ich durch ‹ein Wunder› nach der Corona-Krise meinen Mund nicht mehr verstecken muss.»