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Weihnachten
«Ich erinnere mich»

Die ersten Lebensjahre sind prägend. Wir haben Surprise-Verkaufende nach ihren frühen Erinnerungen an Weihnachten gefragt.

Die Kindheit ist die Zeit der verdichteten Eindrücke. Als Kind kann man in eine Kerze schauen, Licht und Wärme spüren, meinen, die ganze Welt sei in diesem Flackern enthalten und dabei die Realität um einen herum vergessen. Die Wahrnehmung kann sich auf einen einzigen, erfüllenden Moment konzentrieren. Wie man den Finger in das flüssige Wachs einer Kerze tunkt und auf der Haut trocknen lässt. Nur das. Und trotzdem vermag dieses heisse Wachs auf dem Finger in der Erinnerung später den ganzen Abend zusammenfassen. Als Kind kann man absolut fokussieren und anderes ausblenden, genauso aber kleinste Erschütterungen der eigenen Welt registrieren und fürchten, dass alles zusammenbricht. Man kann sich in einem Moment aufgehoben fühlen und im nächsten fallengelassen, verloren im Zuviel der Erwachsenenwelt. Als Kind ist das Erleben dicht, und die Emotionen sind überwältigend.

Erinnerungen aus der Kindheit sind manchmal gestochen scharf, ein anderes Mal verblichen, aber immer so etwas wie ein Abdruck des damaligen Empfindens. Man trägt sie als Erwachsener mit sich, diese Bruchstücke der Vergangenheit, die Fragmente früherer Seelenlandschaften. Wieso die einen Bilder, Gerüche, Melodien, Erlebnisse hängenbleiben und andere nicht, weiss man selbst meist nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es besonders starke Eindrücke waren. Oder daran, dass dieser einzelne Moment auf den Punkt bringt, was zum Beispiel eine Familie als Ganzes prägte. Oder am Gefühl, dass alles für einmal auch ganz anders sein konnte.

Wir haben Verkäufer und Stadtführerinnen bei Surprise gefragt, wie sie ihre Weihnachtsfeste in Erinnerung haben, die 30, 40, 50 Jahre zurückliegen. Es erzählen Menschen davon, die später in die Armut oder in die Sucht rutschten. Der Grund dafür muss nicht zwingend in der Kindheit liegen. Aber die Geschichten stellen doch die Frage in den Raum, wie weit die Prägung etwas mit dem späteren Leben und Erleben zu tun hat. Und was die Erinnerungen auf jeden Fall leisten: Sie sind eine minimalste Bestandesaufnahme davon, wie Familienleben in der Schweiz zwischen 1950 und 1980 aussehen konnten.

DIANA FREI

«Wenn ich an Weihnachten in meiner Kindheit denke, kommt mir zuallererst in den Sinn, dass es immer Schnee hatte, richtig viel Schnee. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ab der zweiten Klasse in der Nähe von Tramelan im Berner Jura lebte.

Vorher wohnte ich mit meiner Familie in Ostermundigen. Mein Vater war ein Büezer, der immer viel Weissen trank, jähzornig war und meine Mutter und uns fünf Kinder schlug. Nachdem er sich das Leben genommen hatte, wurden wir alle fremdplatziert, ein Bruder und zwei Schwestern kamen in verschiedene Heime in der Region Bern, der andere Bruder und ich in eine sehr religiöse Bauernfamilie im Jura. Für die Bauernleute waren wir eher Knechte als Pflegekinder. Wir wohnten in einer ungeheizten Kammer und mussten vor und nach der Schule im Stall oder sonstwo auf dem Hof helfen.

Schön fand ich, dass ich den Bauern vor Weihnachten jeweils in den Wald begleiten durfte, um den Tannenbaum zu fällen, den die Frau dann schmückte. Beschenkt wurden wir nicht gross, es gab etwa ein Paar Socken oder neue Unterwäsche, dazu einen Lebkuchen, auf dem vier Fünfliber klebten. Ich muss sagen, sie haben uns nicht schlecht behandelt. Aber es tat schon weh zu spüren, dass es sie immer reute, wenn es darum ging, Geld für uns auszugeben.

Nach Weihnachten durften wir und die anderen Geschwister meistens bis zum Bärzelistag, also bis zum 2. Januar, heim zur Mutter. Vom Geld, das sie als Putzfrau im Bundeshaus verdiente, kaufte sie uns Spielsachen. Einmal habe ich einen tollen Goalie-Dress bekommen. Ich war ganz begeistert, doch im Jura wollten die Bauernleute nicht, dass ich ihn trage. Die waren, glaube ich, in einer christlichen Sekte und fanden, dieses Fussballzeug sei ‹Sünde›.

Als Kind wollte ich gar nichts vom christlichen Glauben wissen, weil uns die Bauern jahrelang jeden Sonntag zwangen, den Gottesdienst zu besuchen. Erst sehr viel später habe ich zu Gott und zum Glauben gefunden und lebe ihn komplett anders als das Bauernpaar im Jura. Ich rede direkt mit Gott und bitte ihn um das, was ich gerade nötig habe, zum Beispiel um Gelassenheit oder dass ich vergeben kann.

Weihnachten – und somit die Geburt von Jesus – ist für mich zwar von grosser Bedeutung, aber Themen wie Hoffnung, Vergebung und Nächstenliebe sollte man das ganze Jahr über nicht vergessen. So ist beispielsweise ein Mittagessen, das die methodistische Kirche in Burgdorf einmal pro Woche für drei Franken anbietet, für mich auch eine Art Weihnachten.

Schön und sehr wichtig ist mir hingegen das Weihnachtsessen mit der Familie. Meine Frau und ich und alle Geschwister mit ihren Familien treffen sich bei meiner Schwester, die zusammen mit unserer mittlerweile 92-jährigen Mutter zusammenwohnt, und wir essen gemeinsam etwas Feines. Manchmal singen wir Weihnachtslieder, auch wenn es ein bisschen ‹abverheit› tönt. Meine Mutter und meine Schwester wohnen in Bern-Bethlehem – das passt perfekt zu Weihnachten.»

Aufgezeichnet von ISABEL MOSIMANN

«In meiner Kindheit lebten wir nicht im Überfluss. Wir hatten aber immer genug. Das mit den Geldproblemen kam später.

Mein grösstes Weihnachtsgeschenk erhielt ich, als ich elf Jahre alt war. Vor dem Fest war ich mit meinen Eltern ins Warenhaus gegangen, um verschiedene Velos anzuschauen. Ich durfte sogar draufsitzen und sie ausprobieren. Als es dann aber so weit war, entdeckte ich kein Geschenk unter dem Baum, das so gross war wie ein Fahrrad. Ich stieg sogar hinunter in den Keller und schaute nach. Doch da war kein Velo. Nachdem alles vorbei war, fragte mich mein Vater, ob ich zufrieden sei. Ich war ehrlich und sagte: ‹Ich hätte schon gerne ein Velo bekommen.› Mein Vater entschuldigte sich, es sei finanziell nicht drin gelegen. Erst dann schickte er mich auf den Balkon, um nachzuschauen. Und da stand es, mein erstes eigenes Velo.

Das war schon sehr speziell. Denn wenn ich sonst etwas Grösseres wollte, hiess es: ‹Mach was dafür.› Als ich mir mit vierzehn Jahren ein Töffli wünschte, ging ich auf den Bau und arbeitete für den Vater eines Schulkollegen, der Dachdecker war.

Momol, ich hatte eine glückliche Kindheit. Als Nachzügler der Familie war ich gut behütet. Meine Geschwister sind acht und sechs Jahre älter.

Zu Weihnachten hörten wir jeweils ein paar Lieder von der Schallplatte, sangen gemeinsam, packten Geschenke aus und assen dann ein Fondue Bourguignonne oder Chinoise. Diese Tradition führten wir auch noch fort, als alle längst ausgezogen waren, bis zum Tod der Eltern.

Ich lebe von etwa 2000 Franken pro Monat. Viel ist das nicht, aber ich habe immer bescheiden gelebt, darum geht das. Ich habe Schulden seit einem Töffunfall in der Dominikanischen Republik im Jahr 2004. Nach einer Lehre als Koch, einigen Jahren beim Globus und bei der Securitas hatte ich mich mit Reinigungen und Umzügen selbständig gemacht. Da ich zum Zeitpunkt des Unfalls nicht versichert war, geriet ich in die Schuldenfalle.

Ich bin froh, wenn Weihnachten vorbei ist. Seit meiner Zeit als Securitas, wo ich viel in der Nacht arbeitete, bin ich es zwar gewohnt, allein zu sein. Das ist auch während der Festtage kein Problem für mich. Aber den Stress, die Hektik auf den Strassen und diese Geldmacherei in den Läden halte ich fast nicht aus. Dafür ist es für den Surprise-Verkauf eine ganz gute Zeit.

Das grösste Geschenk wurde mir sowieso schon gemacht. Bald werde ich erstmals seit vielen Jahren schuldenfrei sein. Eine gute Bekannte schenkte mir vor Kurzem nämlich 10 000 Franken. Das war zwar kein Weihnachts-, sondern ein Geburtstagsgeschenk. Aber es fühlte sich an wie beides in einem.»

Aufgezeichnet von ANDRES EBERHARD

«In der Weihnachtszeit waren früher jeweils die Grosseltern aus Basel zu Besuch. An Heiligabend gingen wir immer in die Kirche. Damals sassen die Männer rechts, die Frauen links. Mein Grossvater war wie ich katholisch, meine Grossmutter war reformiert. Diese Kombination war damals sehr ungewöhnlich. Ich kann mich gut erinnern, wie sie sagte: ‹Der da oben ist für alle der Gleiche.›

Wenn jeweils meine Grosseltern herkamen, war das eine speziell schöne Zeit. Sie blieben immer bis Neujahr. Meine Grossmutter brachte vier bis fünf Linzertorten sowie selbergemachte Konfitüre mit. Zum Frühstück durften wir Kinder Ovomaltine trinken. Am Weihnachtstag assen wir mittags Schüfeli, Kalbsbrust oder Plätzli, am Abend gab’s eine kalte Platte mit Kartoffelsalat. Im Estrich lagerte Salami und Sulz, im Keller holten wir Kartoffeln und Äpfel. Als Geschenke bekamen wir Kinder selbstgestrickte Pullover, Spielsachen oder Bücher. Wir waren vier Kinder, wir lebten damals schon in einer Mietwohnung in Zürich-Wollishofen, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Mein Vater hatte ein kleines Taxiunternehmen, das Geld aus dem Taxiunternehmen reichte für das Nötigste.

Ich machte eine Lehre als Automechaniker und arbeitete 26 Jahre lang bei den Verkehrsbetrieben Zürich, ehe ich wegen einer Krankheit arbeitsunfähig wurde und eine IV bekam. Die Religion ist bis heute wichtig für mich. Die katholische Kirche in Wollishofen ist noch dieselbe wie damals, nur haben sie drinnen umgebaut, sodass das Publikum in einem Halbmond rund um den Hochaltar sitzt – Männer und Frauen gemischt. Besonders mag ich den ruhigen kleinen Nebenraum mit Kapelle, wo ich ungestört mit meinen Gedanken bin.

Sonntags besuche ich regelmässig den Gottesdienst. Fast aus jeder Predigt nehme ich etwas mit, das ich fürs Leben gebrauchen kann. Auch dieses Jahr gehe ich Heiligabend in die Kirche. Ausser, wenn es mir körperlich nicht gut geht. Für diesen Fall gibt es zum Glück die Gottesdienste am TV. Am Weihnachtstag treffe ich mich dann mit der Verwandtschaft, wir essen Schüfeli und Hörnlisalat und sitzen zusammen.

Diese gute Atmosphäre schätze ich sehr. Ich freue mich auch immer, wenn nach Weihnachten mein Sohn vorbeikommt und wir Zeit zusammen verbringen. Wir schenken uns höchstens etwas Kleines, eine schöne Kerze oder so. Zuhause habe ich ja alles, was ich brauche. Ausserdem kann ich mit Geschenken ja nicht reden.»

Aufgezeichnet von ANDRES EBERHARD

«Als Kinder mussten wir an Weihnachten am Nachmittag bis etwa 18 Uhr schlafen gehen. Unsere Eltern haben unterdessen den Weihnachtsbaum geschmückt und die Geschenke eingepackt. Es war eine Riesennervosität, wir waren fünf Kinder. Wir sangen und spielten Weihnachtslieder. Meine Schwester beherrschte Melodika und ich Flöte und Akkordeon. Beim Musizieren blühte ich auf. So haben wir die Geburt von Jesus gefeiert. Das war ein Highlight. Auf die Geschenke haben wir uns gefreut. Einmal nähte mir die Mutter ein Eiskunstlaufkleid. Ich war sportlich sehr begabt, aber uns fehlte das Geld, dass ich hätte Stunden nehmen können. Also habe ich viel selber geübt. Es gefiel mir, dass ich ein paar Sprünge beherrschte.

Meine älteste Schwester und ich haben dieselben Eltern, die anderen drei sind Halbgeschwister. Wir waren sieben Leute, aber wir waren alle Einzelgänger. Vor allem ich hatte keinen Bezug zu meinen Geschwistern, weil die Mutter mich als Letzte wieder in die Familie zurückholte.

Als ich zur Welt kam, war meine Mutter neunzehn. Die Kinder sind aus Liebe entstanden, aber mein Vater und meine Mutter wurden damals von ihren Familien verstossen. Sie waren beide Fäschtchnölle und hatten ein Alkoholproblem. Es gab damals noch keine Mutter-Kind-Häuser, und so liessen mich meine Eltern nach der Geburt im Spital. Man setzte mich als Übungsbaby für werdende Mütter ein, zum Schöppele und Wickeln. Mein Vater hat sich umgebracht, als ich einjährig war. Ich kam in eine Pflegefamilie. Die Pflegeeltern haben mich geliebt. Sie wollten mich adoptieren, aber meine Mutter hat mich nicht hergegeben. In der Pflegefamilie haben wir gesungen und gebetet am Abend, die Familie war evangelisch-reformiert, ich fühlte mich geborgen. Wieder zuhause bei meiner leiblichen Mutter und meinem Stiefvater, hatten wir einen regelrechten Religionskrieg. Sie lebten zum Schein einen Katholizismus. Ich durfte nicht mehr von Jesus reden, musste aber in die Kirche gehen. Der Stiefvater hat mich regelmässig sexuell missbraucht, bis ich dreizehn war. Da liess sich meine Mutter scheiden.

Wenn du erst mit fünf oder sechs in deine Familie kommst, kannst du dich nicht mehr entfalten. Die Zeit des Kennenlernens, die Beziehung fehlt. Als ich älter war, kaufte ich der Mutter von meinem Lehrgeld meistens eine gute Seife. Ob ich meinem Stiefvater etwas schenkte, weiss ich nicht mehr.

Das Weihnachtsfest war gestellt, wir mussten einfach funktionieren. Trotzdem war Weihnachten für mich immer eine schöne Zeit, überall die Kerzen und Lichter. Weihnachten war eine Abwechslung. Eine Pause von allem, was diese Familie sonst ausmachte.»

Aufgezeichnet von DIANA FREI

«Viele Erinnerungen an die Weihnachtsfeiern in meiner Kindheit habe ich nicht. Ich weiss, dass ich immer beim Tannenbaum-Schmücken half. Nach dem Essen bekamen mein Bruder und ich Geschenke. Materiell versuchten die Eltern immer, uns alles zu geben, was wir uns wünschten.

Um mich besser zu erinnern, habe ich alte Fotos angeschaut. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich anfangs, als ich jünger war, immer lächelnd vor dem Weihnachtsbaum posierte, und später schaute ich nur noch ernst in die Kamera. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir, als ich ungefähr elf war, innert weniger Monate zweimal umzogen. Wegen der Arbeit meines Vaters zogen wir ins solothurnische Welschenrohr. Dort auf dem Land, in der Natur, hat es mir sehr gut gefallen. Es hatte einen Steinbruch, in dem man Fossilien suchen konnte. Auch in der Schule war ich viel besser als vorher. Leider klappte es mit Vaters Job nicht, und wir gingen zurück nach Regensdorf im Kanton Zürich. Was wir Kinder wollten, spielte keine Rolle.

In der siebten Klasse rauchte ich zum ersten Mal Hasch und merkte, dass ich mich danach viel selbstsicherer fühlte und mich endlich getraute, dem Vater zu widersprechen. Mit ihm verband mich nie viel mehr als Formel-1-Rennen schauen. Abends sass er meist auf dem Sofa, sah fern und schlief ein, wenn er zu viel getrunken hatte. Mit vierzehn schnupfte ich das erste Mal Heroin.

Durch Zufall erfuhr ich später, dass der Vater, mit dem ich aufgewachsen war, mein Stiefvater war und mein Bruder mein Halbbruder. Meine Mutter hatte es mir schon lange sagen wollen, doch wegen meiner labilen Verfassung hatte sie es immer wieder hinausgeschoben. Ich war erleichtert, als ich endlich erfuhr, was ich schon lange geahnt hatte. Meiner Mutter bin ich nicht böse, dass sie es mir nicht früher gesagt hat – es waren andere Zeiten. Wir haben heute ein super Verhältnis und sehen uns auch irgendwann um Weihnachten herum.

Ich glaube, unser Weihnachtsabend in der teilbetreuten WG in Schüpfen wird ganz gemütlich. Ich bin da nicht allein, es hat Tiere, ist auf dem Land, ähnlich wie in Welschenrohr – das gefällt mir.»

Aufgezeichnet von ISABEL MOSIMANN