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Foto: Bodara

Strassenverkäufer*innen
«Ich erzähle gerne Geschichten»

Ruedi Kälin, 63, verkauft Surprise in Chur, Zürich und Schaffhausen und hat ein ganz besonders ausgeklügeltes Geschäftsmodell.

«Ich bin Ruedi Kälin, mein Markenzeichen sind meine eigenwilligen Haare und meine farbige Kappe. Bei meinen Freunden bin ich als Lebenskünstler und Wundertüte bekannt. Ich selbst stelle mich meistens als Geschichtenerzähler vor. Denn das ist meine Hauptbeschäftigung. Während des Surprise-Verkaufs unterhalte ich die Kundschaft mit Anekdoten und lustigen Geschichten, die ich auf der Strasse aufgeschnappt habe.

Aufgewachsen bin ich behütet bei meiner Grossmutter in Davos. Im Alter von zehn Jahren holte mein Vater mich nach St. Gallenkappel, damit ich die restliche Schulzeit bei meinen Eltern absolvieren konnte. Mein Vater wünschte sich einen guten Schüler. Aber ich interessierte mich mehr für Sport als für Schulkram. Im Alter von 17 Jahren hatte ich sogar eine Karriere als Profi-Hockey-Spieler bei den ‹Montreal Canadiens› in Aussicht. Doch dann brachte sich mein Vater um und ich musste in der Schweiz bleiben, um meine Mutter und meine Schwester zu unterstützen.

Ich begann als Logistiker zu arbeiten, blieb vier Jahre lang in diesem Bereich. Danach wurde ich von einer Druckerei angestellt. Ich erledigte alle möglichen Aufgaben, von der Lagerkontrolle bis hin zum Mischen der Farben. Später absolvierte ich eine Anlehre als Maler. Doch dieser Beruf entsprach mir nicht, denn ich führe nicht gerne Aufträge aus. Ich bin eine sehr arbeitswillige Person, aber ich brauche einen gewissen Freiraum, Freude an meiner Tätigkeit und Abwechslung. Als Maler hatte ich das nicht. Dann arbeitete ich eine Weile als Tankwart. Später zog ich nach Zürich und verdiente mein Geld als ‹Müllmann› und Zeitungsverteiler.

Zu Surprise kam ich durch einen Freund. Eigentlich hatte ich bereits zwei Jobs. Aber mein Freund überredete mich aus Jux, mit dem Hefteverkauf zu beginnen. Da er meinen Lebenslauf kannte, meinte er: ‹Ruedi, du wirst sowieso nicht lange bleiben, aber ein Versuch ist es wert, schon allein, um etwas Abwechslung in dein Leben zu bringen.› Heute lachen wir darüber, denn ich arbeite mittlerweile seit über zwanzig Jahren für Surprise.

In dieser Zeit wurde es mir noch kein einziges Mal langweilig. Ich kann meinen Alltag selbst gestalten, treffe spannende Leute, höre und erzähle Geschichten. Mir bedeuteten die grosse Freiheit und Abwechslung viel mehr als ein Job mit einem sicheren Einkommen. Wahrscheinlich werde ich deswegen als Lebenskünstler und Wundertüte bezeichnet. Ich habe ein eigenes System entwickelt, wie ich auch mit einem unsicheren Einkommen gut über die Runden komme. Sobald ich drei Surprise-Hefte verkauft habe, kommen sechs Franken in meinen ‹Freizeit-Topf›. Wenn ich sechs Hefte verkauft habe, lege ich sechs Franken in den ‹AHV-Topf›, und wenn ich hundert Hefte verkauft habe, wird mein ‹Hobby-Topf› mit sechs Franken gefüllt. Den restlichen Lohn brauche ich für meine bescheidenen Lebenskosten und für den Kauf von neuen Surprise-Heften.

Dieser Lebensstil hat natürlich auch negative Seiten. Ich war beispielsweise sieben Jahre lang obdachlos, weil es ohne reguläres Einkommen schwer ist, eine Wohnung zu finden. Zum Glück habe ich eine Vermieterin gefunden, die Verständnis hat für Leute, die zwar viel arbeiten, aber nicht viel verdienen. Zudem musste ich vor Kurzem wegen einer Zuckerkrankheit operiert werden. Zuerst war nicht klar, ob ich nach meiner Operation wieder richtig werde arbeiten können. In dieser Zeit habe ich mir Sorgen gemacht. Mir wurde aber auch bewusst, dass ich mein freies Leben unbedingt zurückhaben will. Und siehe da, nun kann ich wieder arbeiten! Zwar wird mein Bein nie wieder so richtig belastbar sein, der Hefteverkauf funktioniert aber überraschend gut. Solche Geschichten zeigen mir, dass glückliche Menschen das Glück anziehen. Ich bin darum lieber ein glücklicher, unabhängiger Geschichtenerzähler als ein fremdbestimmter Maler oder Logistiker.»