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Strassenverkaufende
«Ich liebe Eritrea»

Semere Yemane, 47, flüchtete nach 20 Jahren Militärdienst aus Eritrea. Eines Tages möchte er aber zurückkehren. Derweil verkauft er Surprise in der Berner Lorraine.

«Geboren und aufgewachsen bin ich in Asmara. Heute ist das die Hauptstadt von Eritrea, damals war es einfach eine Stadt in der Provinz Eritrea, die zu Äthiopien gehörte. 1988, als ich 17 Jahre alt war, trat ich den Militärdienst an, um für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Nachdem Eritrea 1993 offiziell gegründet und unabhängig war, mussten viele Soldaten im Dienst bleiben, weil die Grenzkonflikte mit Äthiopien andauerten. So auch ich.

Nach fast 20 Jahren im Militär hatte ich genug, ich wollte endlich als freier Mensch zuhause in Asmara zusammen mit meiner Familie leben. Aber das war nicht möglich. Wer desertierte, wurde gesucht, verhaftet und in den «National Service» zurückgebracht. Ende 2007 hielt ich es nicht mehr aus. Ich flüchtete über die Grenze ins Nachbarland Sudan, obwohl ich Frau und Kinder zurücklassen musste. Dort sowie danach in Libyen arbeitete ich jeweils ein Jahr auf Baustellen und machte Schreinerarbeiten, um mir die weitere Flucht nach Europa zu finanzieren.

Im April 2010 erreichte ich die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Da ich so lange im Militär gewesen war, wurde das Gesuch bald positiv beantwortet und meine Frau und meine damals neunjährige Tochter durften 2012 über den Familiennachzug in die Schweiz kommen. Für meinen Sohn aus einer früheren Beziehung bekam ich hingegen keine Bewilligung, wahrscheinlich weil er zu diesem Zeitpunkt schon fast 18 war. Er lebt nun seit ein paar Jahren bei seiner Mutter, die in die USA flüchten konnte, und macht am College in Seattle ein Ingenieurstudium. 2017 war er zwei Monate zu Besuch bei uns und konnte seine heute sechsjährige Schwester und den vierjährigen Bruder kennenlernen, die beide in der Schweiz zur Welt kamen.

Mit der Arbeit hat es bis jetzt noch nicht so gut geklappt. Ich habe ein halbjähriges Praktikum in der Reinigung gemacht, dann als Bodenleger. Schliesslich fand ich eine Anstellung als Chauffeur und lieferte in der Nacht Zeitungen aus, aber Rückenund Hüftprobleme zwangen mich bereits acht Monate später, dies wieder aufzugeben. Vor Kurzem war ich bei einem Spezialisten: Er fand heraus, dass ein Bein fast zwei Zentimeter länger ist als das andere und ich deshalb solche Schmerzen habe. Jetzt schauen wir, ob mir ein speziell angepasster Schuh helfen kann.

Trotz der Beschwerden arbeite ich momentan zu 50 Prozent in einem Recyclingbetrieb, daneben verkaufe ich am Freitag und Samstag Surprise. Genau vor acht Jahren habe ich mit dem Heftverkauf angefangen. Früher stand ich vor der Berner Markthalle, wo es viele Restaurants, Bars und kleine Läden gab. Als sie geschlossen und umgebaut wurde, musste ich meinen Platz wechseln. Heute verkaufe ich vor der Migros im Lorraine-Quartier. Kontakt zu SurpriseKundinnen und -Kunden habe ich nicht so viel. Das liegt vor allem daran, dass ich nicht gut Deutsch spreche. Ich war zwar in zwei Deutschkursen, aber das hat nicht gereicht, um wirklich gut reden und verstehen zu können. Mit besseren Deutschkenntnissen hätte ich wahrscheinlich mehr Chancen auf eine Arbeitsstelle.

Für das neue Jahr wünsche ich mir, dass ich eine Arbeit finde und genug Geld verdienen kann, um mich und meine Familie von der Sozialhilfe zu lösen. Hilfreich wäre auch eine grössere Wohnung – wir wohnen jetzt in Köniz zu fünft in einer 31?2-ZimmerWohnung. Das geht schon, aber zu einem Zimmer mehr würden wir nicht Nein sagen.

Ich hoffe, dass wir eines Tages in unsere Heimat zurückkehren können. Ich liebe Eritrea. Die aktuelle politische Entwicklung in der Region gibt immerhin Anlass zur vorsichtigen Hoffnung.»