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Stadtführer-Porträt
«Ich liess mir helfen, das war nicht einfach für mich»

Job, Frau, Wohnung: Heiko Schmitz hat alles verloren und lebte zwei Jahre unter der Brücke. Seine Geschichte zeigt: Es kann jeden treffen. Und es geht schneller, als man denkt.

«Entschuldigen Sie bitte, wenn ich undeutlich spreche, aber ich hatte kürzlich eine Auseinandersetzung. Dabei ist meine Zahnprothese kaputt gegangen. Ich bin Heiko Schmitz. Geboren bin ich vor 50 Jahren in Köln. Gelernt habe ich Sportfachverkäufer. Das war aber nicht meins. Ich habe in jungen Jahren eine Firma gegründet und mit acht Angestellten Häuser in Holzbauweise erstellt. Das ging so lange gut, bis zwei Kunden nicht bezahlt haben. Wegen der Schulden musste ich die Firma aufgeben. Als Bauleiter in Dänemark, Schweden und Holland versuchte ich zu Geld zu kommen, ohne Erfolg. 2004 war ich konkurs. Zwei Jahre später zog ich in die Schweiz. Hier habe ich für ein Gipser-Unternehmen auf Grossbaustellen 30 bis 40 Mitarbeiter geführt. Ich malochte 12 bis 14 Stunden pro Tag, zum Teil auch sonntags. Fünf Jahre lang machte ich keine Ferien. Die Folge: ein Burnout. Ich liess das nicht behandeln, und kurz darauf erlitt ich einen Arbeitsunfall. Dabei rissen praktisch alle Bänder meiner linken Schulter. Die Unfallversicherung wollte nicht bezahlen und ich war wieder verschuldet.

Kaum ging es mir ein wenig besser, schrieb mir meine Frau ein SMS. Sie wollte nach 22 Jahren Ehe die Scheidung. Zu allem Übel fand mein Arbeitgeber wenig später, ich sei unfallanfällig, und entliess mich. 2013 hatte ich nichts mehr: keinen Job, keine Wohnung, keine Beziehung, ich landete auf der Gasse. Und wenn ich Gasse sage, dann meine ich das auch so: Ich habe unter der Brücke geschlafen, 25 Monate lang. Der erste Aufsteller in dieser Zeit waren die Leute in der Gassenküche. Sie fanden: ‹Heiko, du bist ein Ruhiger, du kannst hier bei der Arbeit helfen.› Von wegen ruhig, die kannten mich noch nicht. Aber mit dem Job in der Gassenküche hatte ich die erste Hürde weg von der Gasse genommen: Ich liess mir helfen. Das war nicht einfach für mich. Als ich mich einigermassen gefangen hatte, starb meine Tochter 2014 bei einem Autounfall. Ich liess mich komplett gehen, trank 25 bis 30 Dosen Bier pro Tag.

Unterdessen habe ich meinen Alkoholkomsum auf fünf Dosen pro Tag reduziert – und zwar ohne ärztliche Hilfe, worauf ich stolz bin. Bei der Gassenküche hat man später doch noch bemerkt, dass ich eine grosse Klappe habe, und mich an den Verein Surprise vermittelt. Die suchten 2015 einen Stadtführer (ich hätte auch liebend gern im Strassenchor gesungen, es hiess aber, ich sänge zu laut und zu falsch). «Heiko, du kannst das», fanden die Leute dort. Die Einarbeitung war sehr anstrengend. Ich zweifelte lange, ob ich das kann, hatte immer wieder Abstürze. Doch bei Surprise glaubte man an mich. Auch wenn ich lethargisch war oder alles über den Haufen werfen wollte, schickten sie mir eine SMS: ‹Komm Heiko, wir reden über alles.› Seit Ende 2015 bin ich Stadtführer. Dabei erzähle ich auch von der Ausgrenzung der Obdachlosen. Pärke werden so ‹neu gestaltet›, dass Übernachten fast nicht mehr möglich ist: Bänke ohne Lehnen, Sprinkleranlagen, die nachts um zwei losgehen, oder Toiletten, die nachts schliessen und tagsüber 1.50 kosten. Und da sind die Kontrollen: Im Bahnhof hat mich die gleiche Polizei-Patrouille drei Mal behelligt. ‹Herr Schmitz, zeigen Sie doch den Ausweis›, hiess es beim dritten Mal. Wer kein gültiges Zugticket hat, den weist die Polizei weg. Wer mehrmals erwischt wird, erhält eine Busse wegen Hausfriedensbruchs: 2700 Franken.

Neben der Gassenküche besuchte ich das Tageshaus für Obdachlose oder den Schwarzen Peter. In Ersterem kann man seine Kleider waschen, duschen oder neue Kleider mitnehmen. Der Schwarze Peter bietet eine Meldeadresse an. Mittlerweile sind in Basel über 430 Menschen darauf angewiesen, erschreckend, finde ich. Das Allerwichtigste an solchen Einrichtungen sind aber die sozialen Kontakte. Denn das Leben auf der Strasse isoliert einen. Wo ich jeweils geschlafen habe, verrate ich niemandem: Unter Obdachlosen wird alles geteilt, das letzte Bier, die letzte Zigarette, nur der Schlafplatz, der bleibt geheim. Inzwischen habe ich eine neue Beziehung und ich kann bei meiner Freundin schlafen. So, und zum Schluss merkt euch eines: Es kann jeden treffen. Job- und Wohnungsverlust kommen schneller, als man denkt. Ich hoffe, dass ihr nie obdachlos werdet.»