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Foto: Klaus Petrus

Strassenverkaufende
«Ich wusste nicht, ob ich überlebe»

Barkad Umar, 38, aus Somalia hat die Erbkrankheit Morbus Wilson. Inzwischen geht es ihm besser, doch er hat noch einen grossen Wunsch.

«Ich habe erst vor Kurzem wieder angefangen, Surprise zu verkaufen. Das mache ich in Frenkendorf bei Liestal, wo ich auch lebe, vor einer Migros. Ich habe etwa 70 Prozent Stammkunden. Die Menschen sind positiv gestimmt, lachen und fragen mich im- mer wieder, wie es mir geht. Vielleicht zwei Prozent der Leute, die mich sehen, sagen negative Dinge zu mir. Dann denke ich mir: Es gibt in jedem Land auf der Welt viele nette und ein paar unfreundliche Menschen.

Von 2004 bis 2008 habe ich schon einmal Surprise verkauft. Damals hatte ich meinen Platz in Aesch vor einem Einkaufszentrum. Ich musste aber aufhören, weil ich sehr krank war. 2001 bin ich in die Schweiz gekommen, weil es in meinem Heimatland Somalia keine Möglichkeit gab, meine Krankheit zu behandeln. Ich habe Morbus Wilson, das ist eine Erbkrankheit, bei der sich vor allem in der Leber zu viel Kupfer ansammelt. 2008 hatte ich eine Leberzirrhose. Ich brauchte dringend eine neue Leber – und sogar eine neue Niere. Damals wurde ich mit dem Helikopter vom Kantonsspital Liestal nach Genf geflogen. Ich habe Fotos davon, auf denen meine Augen wegen der Krankheit ganz gelb sind.

Der Arzt in Genf sagte mir: Wenn wir keine neue Leber und keine neue Niere für dich finden, wirst du sterben. Zwei Tage später konnten mir beide Organe transplantiert werden. Leider hatte ich dann gefährliche innere Blutungen. Weil ich zu wenige Thrombozyten im Blut hatte, konnte das Blut nicht gerinnen, sondern floss immer weiter. Ich rief meine Schwester in Somalia an, denn ich wusste nicht, ob ich überleben würde.

Ich habe zwei Schwestern in Somalia, mit denen ich viel Kontakt habe. Als ich noch dort lebte und meine Krankheit behandeln zu lassen versuchte, waren sie immer für mich da. Sie haben sogar ihren Goldschmuck verkauft, damit ich Medikamente kaufen konnte. Doch es gab nicht alle Medikamente, die ich brauchte. Ein Bruder von mir und meine Mutter sind bereits an Morbus Wilson gestorben.

Ich bin aus zwei Gründen in die Schweiz gekommen: weil in Somalia Krieg ist und weil ich sehr krank war. In der Schweiz habe ich sofort Hilfe im Spital bekommen. Ich habe mittlerweile viele ärztliche Unterlagen über meine Krankheit und werde bis an mein Lebensende Medikamente nehmen müssen, damit mein Immunsystem die Spenderorgane nicht abstösst. Morgens nehme ich sieben Tabletten und abends sechs.

Nach der Transplantation hatte ich aufgrund der Medikamente zwei Jahre lang Diabetes. Ich hatte Schlafstörungen und hier in der Schweiz keine Familie, niemand war da, um mich zu unterstützen – und dann kam die Depression. Ausserdem hatte ich von 2001 bis 2018 nur die F-Bewilligung und wusste nie, ob ich das Land schon bald wieder würde verlassen müssen. Seit ich die B-Bewilligung habe, bin ich etwas ruhiger.

Ich bin der Schweiz sehr dankbar. In Somalia würde ich jetzt wohl nicht mehr leben. Obwohl ich kein Schweizer bin, noch nicht einmal Europäer, sondern Afrikaner, obwohl ich kein Christ bin, sondern Muslim, und meine Hautfarbe ganz anders ist als die der Menschen hier, hilft mir die Schweiz. Darüber freue ich mich.

Ich bin jetzt seit etwa achtzehn Jahren hier. Seither habe ich das Land nicht verlassen. Ich wünsche mir aber so sehr, einmal meine Schwestern in Somalia zu besuchen. Den Flug kann ich mir nicht leisten. Aber ich hoffe trotzdem, dass dieser Wunsch noch in Erfüllung geht.»