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Strassenverkaufende
«Ich bin erfinderisch»

Ändu Hebeisen (51) machte das Beste aus der Corona-Krise und liess sich (fast nie) aus der Ruhe bringen.

«Dass da etwas auf uns zukommt, das wir nicht für möglich gehalten hätten, war mir bewusst, weil ich täglich verschiedene Zeitungen lese, Radio höre und die Nachrichten schaue. Zudem sehe ich die Schlagzeilen, die laufend auf der elektronischen Werbefläche neben meinem Verkaufsort im Hauptbahnhof Bern erscheinen. Dass nun auch ich direkt von der Pandemie betroffen bin, realisierte ich am Montag, dem 16. März. Sara Steiner, Co-Leiterin der Berner Regionalstelle von Surprise, suchte mich an meinem Verkaufsort auf und teilte mir mit, dass ab morgen kein Heftverkauf mehr möglich sei.

Angst vor einer Ansteckung hatte ich nie, ich bin eigentlich bisher ganz gelassen durch diese Corona-Zeit gegangen. Mühe bereitet haben mir einzig die Tage, an denen ich nicht wusste, ob bei uns eine ebenso strikte Ausgangssperre verhängt würde wie etwa in Italien. Das hat mir deshalb so zugesetzt, weil ich in einem betreuten Wohnhaus in einem kleinen Zimmer wohne – da hätte ich ganz schnell den Koller gekriegt. Und der Weg zum Denner, sprich zum Alkohol, wäre nicht mehr weit gewesen. Aber zum Glück ist es ja anders gekommen.

Im betreuten Wohnen lebe ich, weil ich vor zehn Jahren komplett den Boden unter den Füssen verloren habe. Den Stress und Frust am Arbeitsplatz hatte ich mehr und mehr mit Alkohol runtergespült, was in Burnout, massiver Alkoholsucht und schliesslich im Jobverlust endete. Nach mehreren Anläufen und Klinikaufenthalten ist es mir im Frühling 2015 schliesslich gelungen, mit dem Trinken aufzuhören und Schritt für Schritt den Weg zurück in ein unabhängiges Leben zu finden.

Weil in den letzten zweieinhalb Monaten der Verkauf des Surprise-Heftes sowie die Sozialen Stadtrundgänge in Bern wegfielen, wo ich als Stadtführer auf zwei Touren zum Thema Armut und Sucht unterwegs bin, war ich sehr froh um meine drei Zeitungstouren. In Bern vertrage ich in verschiedenen Stadtteilen die Werbung und die Zeitung Berner Bär, in Thun schon seit Jahren den Amtsanzeiger. Da war ich unterwegs, habe mich bewegt und kam unter die Leute.

Die sozialen Kontakte, die ich sonst beim Heftverkauf und auf den Stadtrundgängen habe, fehlen mir schon. Vermissen tue ich ausserdem die schönste Nebensache der Welt: den Fussball. Seit meiner Kindheit bin ich mit dem FC Thun verbunden. Ich habe viele Jahre als Junior mit-gekickt, und heute bin ich an den Heimspielen jeweils als Funktionär im Einsatz. Finanziell geht diese Corona-Zeit nicht spurlos an mir vorbei. Aber gut, zum einen weiss ich, wie man mit wenig Geld umgeht, und zum andern bin ich erfinderisch und krisenerprobt. Ich habe mich zu Beginn des Lockdown gleich bei einem Grossverteiler gemeldet und konnte drei Wochen lang am Eingang die Zahl der ein- und austretenden Kunden kontrollieren. Bei einem andern Grossverteiler habe ich mich als Einkaufshilfe registriert. Das gibt beim Abliefern der Einkäufe in der Regel ein Trinkgeld, und Zeit zum Einkaufen hatte ich in den vergangenen Wochen ja genügend.