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Portrait
«Ich stehe ganz am Anfang»

Sandra Brühlmann (37) führt als erste Frau in Zürich durch ihren sozialen Stadtrundgang.

«Die Corona-Krise macht für mich eigentlich keinen Unterschied, ich ging zum Beispiel noch nie viel shoppen. Etwas anderes als Alkohol wollte ich mir nie kaufen. Wegen der Sucht war ich auch in der Klinik. Danach gehst du nach Hause und bist plötzlich auf dich selber gestellt. Bist allein in deinen eigenen vier Wänden. Du gehst vielleicht spazieren. Aber es fehlt dir das Geld und der Mut. Auch die Kollegen. Du musst ja deinen Kollegenkreis auswechseln, kannst nicht mit Alkis hängen. Du bist sehr einsam. Da fragst du dich: Wofür habe ich nun zu trinken aufgehört?

Ich habe das Gefühl, dass sich in der Corona-Krise der Rest der Welt meinen Erfahrungen und Gefühlen etwas angleicht. Wenn es normal läuft, weiss man immer: Die anderen sind am Arbeiten. Du hast immer das Gefühl, du verpasst etwas. Du weisst, du hast versagt. Ich weiss von anderen in ähnlichen Situationen, dass es ihnen da gleich geht wie mir.

Mit 14 oder 15 bekam ich Depressionen diagnostiziert und fing an zu trinken. Wenn du so jung bist, kannst du dir nicht vorstellen, dass eine Tablette helfen soll. Den Alkohol kannte ich. Ich wusste, dass er sofort nützt, er tötet die Gefühle ab. Oder lässt mich weinen. Macht etwas, das mir den Schmerz lindert. Meine Mutter hatte schon Depressionen und Angstzustände wie ich auch. Heute habe ich eine 100-Prozent-IV-Rente. Ich wollte aber immer funktionieren. Ich habe im Service gearbeitet, im Bäckerei-Konditorei-Verkauf, in einem Töffgeschäft, und ich habe die Anlehre als Töpferin gemacht. Die Depressionen kamen immer zurück. Ich trank und habe wieder meine Stellen verloren.

Ein Psychologe verschrieb mir drei verschiedene Antidepressiva, irgendwann gab er mir Ritalin. Es waren 57 Tabletten am Tag. Zuerst ging es bergauf, ich wurde zu einem Speedy Gonzalez, konnte mehr arbeiten, mehr leisten. Und plötzlich kam der grosse Zusammenbruch. Ich entwickelte eine Psychose, es war eine Folge des Ritalin. Ich hörte auf zu trinken, aber fing an zu spinnen. Die Leute begannen mich zu meiden. Ich hörte Dinge, die nicht da waren. Ich bekam Angst, schlafen zu gehen, die Augen zu schliessen, ich blieb tagelang wach. Ich lief durch Zürich wie in einem Game. Alles war unwirklich. Ich nahm jemanden bei mir auf, weil ich ihn verwechselt hatte. Ich erkannte die Leute nicht mehr und dachte, sie lassen Gas in meine Wohnung. Ich nahm Schlaftabletten,bekam Wasser und blaue Flecken nur schon von einem leichten Druck. Wahrscheinlich waren es Vergiftungserscheinungen. Ich war nur noch Haut und Knochen und verwahrloste in der Wohnung. Irgendwann wurde ich von der Polizei gefunden und in Handschellen abgeführt.

Meine Wohnung wurde geräumt, ich lebte auf der Strasse. Erst später im Suneboge, einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, habe ich gemerkt, was es im Leben alles für schöne Dinge gibt. Wie sehr mir die Ausflüge mit anderen helfen. Auf den Ballenberg oder an die Sihl. Es ist so wichtig, dass man solche Sachen machen kann. Dass man überhaupt wieder einen Sinn im Leben entdeckt. Ich war so dankbar, als ich aus der Psychose kam. Es war, als ob ich zum ersten Mal überhaupt leben würde.

Ich bin nun 37 und habe meine Chancen auf Karriere und Familie vertan. Ich stehe ganz am Anfang. Aber ich bin jetzt seit sechs Jahren trocken, habe gute Medikamente und bin stabil, ich lebe selbständig in einer Wohnung.

Ich möchte eine Ausbildung zur Peer-Arbeiterin machen. In der Peer-Arbeit helfen Leute, die selbst durch psychische Krisen gegangen sind, anderen, ihren Weg zu finden. Ich habe gelesen, dass es sehr wenige Prozent sind, die es aus ihren Problemen, ihrer Sucht hinausschaffen. Es muss doch möglich sein, diese Prozentzahlen zu heben. Ich habe einige Ideen und glaube, ich könnte dazu beitragen.»