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Verkäufer*innenkolumne
Im Augenblick das Nichts

KARIN PACOZZI, 54, verkauft Surprise in Zug. Und sie liest sehr viel – von Sokrates, Euklid und Konfuzius über Goethe bis zu Hermann Hesse und James Joyce (der ja in Zürich begraben liegt). Im Speziellen gibt sie Ernest Hemingway mit seinem erzählerischen Eisbergmodell recht: Was in einer Kurzgeschichte erzählt wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Wesentliche liegt darunter.

Wer kennt die Lehre der Achtsamkeit nicht? «Das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu allem macht», schreibt J.W. Goethe (1749–1832). So zu leben, das müsste doch einfach sein, gerade in dieser Krisen-Corona-Zeit. Nur heute, hier, jetzt. Keine Überlegungen, wie es wohl weitergehen wird.

Es geht weiter, das ist gewiss. Im Moment ist es einfach schwer, die Realität zu ertragen. Das Wetter ist schlecht, die Leute sind trostlos (fast alle), die vielen Angebote zur Zerstreuung sind geschlossen, abgesagt. So ist man gezwungen, mit sich selber auszukommen. Das Denken für einmal zur Seite schieben, jede Handlung ganz bewusst erledigen, nach Buddha: «Jede aufmerksame Handlung, jeder achtsame Schritt führt unweigerlich zum Erwachen. Wo du gehst, bist du.» Diese Lebensweisheit muss ich mir noch an die Wohnungstür hängen, damit ich auch sicher in diesem Jahr keine Unfälle mehr erleben muss. Zuerst stolperte ich im Dunkeln über den eigenen Stubentisch, kurz danach verpasste ich auf der Treppe eine Stufe. Zwei gebrochene Füsse reichen mir für lange Zeit.

Nun sitze ich noch öfter zuhause, ich muss warten, bis es taut, bevor ich dann wieder regelmässig zur Haustür hinaus kann oder muss. Manchmal bin ich durch das viele Zuhause-Sitzen recht antriebslos. Dabei sollte ich doch zufrieden sein, da ich die Corona-Problematik bis heute kaum als Belastung erlebt habe. Nun mache ich jeden Morgen zehn Minuten Achtsamkeitsübungen, nur dasitzen, die Augen schliessen, nach innen gehen, versuchen, sich zu spüren, des Atems bewusst werden und dann bis in die Zehenspitzen und Fingerkuppen nachfühlen, ob alles heil ist. Nach dem Mittag mal noch zehn Minuten meditieren wäre dann der zweite Schritt, das klappt aber oft noch nicht.

Yoga im Sitzen wäre auch sehr gut für mich. Nur vergingen pro Woche fünf bis sieben Tage, an denen ich das Bedürfnis nach Dehnung und Bewegung einfach ignorierte. Das ist ein mir bewusstes persönliches Problem, da ich mich in meinem Körper einfach nicht wohlfühle. Inzwischen gehören 30 Minuten Yoga und Achtsamkeitsübungen aber zu meinem Tagesbeginn. So lerne ich, achtsamer mit mir zu umzugehen.


Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.