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Moumouni
... im Schnee

FATIMA MOUMOUNI hat in letzter Zeit so wenig Schnee gesehen, dass sie dachte, sie müsse sich langsam auf obiges Szenario vorbereiten. (Ohne eine Schwangerschaft andeuten zu wollen.)

«Weiss. Im besten Fall, auf die anderen Fälle werde ich noch eingehen», werde ich sagen, wenn die Generation meiner Urenkel*innen von mir wissen will, wie Schnee ist. Freudig, denn ich werde schon viele Jahre auf diese Frage gewartet haben, werde ich mit einem kleinen Vor­ trag über die Geräuschlichkeit von Schnee beginnen. Als Erstes ist es die Stille, die auffällt, während man warme, trockene Heizungsluft in den spröden Nasen­ höhlen an den Nasenhaaren vorbeikratzen spürt, aus dem kalten Fensterglas schaut und sieht, wie sich die Flocken den Lärm aus der Luft stehlen und fallen. Schnee dämpft und verlangsamt. Bald wird der Zug nicht mehr fahren.

Am Strand in Rio de Janeiro gibt es Sand, der genau gleich unter den nackten Füssen knirscht wie dicke Schuhe in Schnee. Krrrtz krrrtz krrtz – gibt es Rio eigentlich noch? Wollt ihr von meiner Zeit in Amsterdam, der gesunkenen Stadt, hören? Dann werde ich aus dem ewig vereisten Kühlfach im Kühlschrank (denn manche Dinge ändern sich nie) Eis hervor­ schaben – ratz ratz – und die Kinners dürfen es anfassen: befühlen, wie kalt es ist. Und wenn ich nicht mal wieder geschmackspotenten Bärlauch im Frierer habe, können sie die Eisfachernte sogar probieren, um zu erfahren, wie er geschmeckt hat, der Schnee.

Ich werde ihnen beibringen, dass die Assoziationen mit Schnee kontextabhän­ gig sind. Schnee fühlt sich gut an im Teamspirit einer guten Schneeballschlacht, beim Bestaunen eines Waldes mit den schweren Ästen, der unendlichen Vielfalt der Flocken («jede Flocke ist anders, hab ich mal bei Galileo gesehn»), Eis an den Wimpern und Nasenhaaren. Ski­ oder Snowboardfahren gehörte nie zu meinen Hobbys, und dadurch, dass ich von Après­-Ski-­Partys nur gehört und nie selbst einer beigewohnt habe, sind sie mein persönliches Grauen.

Jedenfalls: Lawinen, Zug­ und Strom­ ausfälle, zitterndes Frieren, obdachlose Menschen in der Kälte, die Bilder von Geflüchteten, die zu leicht bekleidet bei harschem Wind und Schnee über Grenzen stapfen, wenn sie es denn bis dahin schaffen – das ist die bittere Seite des Schnees.

Ich werde ihnen von schneeverrückten Schweizer*innen erzählen, die so Sachen sagten wie: «Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung!»

Vom gelben Schnee werde ich erzählen und davon, wie es ist, Namen ins Weiss zu pieseln. Die Tage, an denen die Strassen voll sind mit einer flotschigen grauen Masse, Schnee der Grossstadt, nachdem die Autos und der graue Feb­ruar ihm schwer zugesetzt haben, so kurz bevor der Frühling kommt.

Einmal, werde ich ihnen anvertrauen, nachdem ich ihnen einen Schwur abverlangt habe, dass sie das niemals weitererzählen, habe ich meine Hose nicht rechtzeitig aufgekriegt, als ich draussen urinieren musste. Die Hände waren gefroren und mein Reissver­ schluss so kalt. Irgendwann unterlag ich dem Harndrang und hatte danach Todesangst, dass ich mir mit der nun nassen Hose eine böse Blasenentzün­dung und gar die Cholera holen würde.

Und Schneeengel, was hat es je Schöne­res in der Welt gegeben? In der guten Jacke und schneefester Hose (unbedingt in den Socken steckend, sonst hat man Suppe im noch so wasserdichten Schuh).

«Urgrossmutter, Urgrossmamá!», werden sie sagen, «Schnee ist so cool!» (wobei ich nicht glaube, dass man dann noch «cool» sagt). «Ja, wortwört­lich», werde ich antworten, «schade, dass ihr das nicht mehr miterlebt habt.»