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Strassenverkäufer*innen
«In Tunesien hätte ich kaum Chancen auf Arbeit»

Taoufik Nafati, 59, kam vor vielen Jahren aus Tunesien nach Europa. Früher verkaufte der studierte Übersetzer Karten, jetzt Surprise – und freut sich darüber.

Ich verkaufe Surprise seit ungefähr zwei Jahren als Flyer. Das bedeutet, ich habe keinen festen Verkaufsplatz. Ich muss immer schauen, ob gerade ein Platz frei ist. Nur dann kann ich das Magazin dort verkaufen. Allerdings kann ich von Weitem nicht erkennen, ob schon jemand da ist. Also muss ich erst parkieren und dann nach sehen. Das ist für mich ziemlich kompliziert, denn ich sitze im Rollstuhl.

Auf der Suche nach einem freien Platz achte ich immer darauf, dass es eine Behindertentoilette gibt. Das ist zum Glück oft der Fall. Und die Trottoirs sind in der Schweiz so gebaut, dass ich mich mit meinem Rollstuhl gut fortbewegen kann. Viele Hindernisse habe ich bei der Arbeit also nicht. Wenn ich für die Arbeit unterwegs bin, trage ich immer meine Orthesen. Das sind spezielle Schienen für die Beine, mit deren Hilfe ich aufstehen und ein wenig laufen kann. Falls ich mal in eine schwierige Situation kommen sollte oder aus dem Rollstuhl steigen muss, bin ich mit meinen Orthesen nicht auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ich komme aus Tunesien. Als ich sechs Monate alt war, erkrankte ich an Kinderlähmung. Mit zwei Jahren musste ich viermal operiert werden, denn meine Füsse waren verdreht und mein Nacken war steif. Durch die Operationen geht es mir viel besser. Meine Mutter hat damals alles für mich getan, was sie konnte. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Als ich erwachsen wurde, wusste ich, dass ich in Tunesien mit meiner Behinderung kaum Chancen auf eine Arbeit und ein gutes Leben haben würde. Damals ging es den Menschen in meinem Land wirtschaftlich zwar noch ganz gut, aber für jemanden wie mich gab es nicht viele Möglichkeiten. Ich war 27 Jahre alt, als ich mein Heimatland verliess. Es war sehr schwer für meine Mutter und mich, voneinander Abschied zu nehmen, als ich nach Europa ging. Doch sie konnte verstehen, weshalb ich gehen wollte.

Ich habe in Tunesien, in der Schweiz und in Frankreich studiert. Ich bin Übersetzer für Englisch und Französisch und auch Buchhändler. Hier in Europa aber habe ich nicht in diesen Berufen gearbeitet. Ich hatte ein paar Jobs, bei denen ich einfache Büroaufgaben übernommen habe, doch die haben mir nicht gefallen. Also habe ich angefangen, auf der Strasse Karten zu verkaufen. Darunter waren handgemachte Karten aus Behindertenwerkstätten, Karten mit 3D-Motiven oder mit Bildern von Künstler*innen wie van Gogh. Seit ein paar Jahren läuft der Kartenverkauf allerdings sehr schlecht. Die Leute schreiben Nachrichten übers Internet und verschicken keine Grüsse mehr per Post.

Dort, wo ich die Karten verkauft hatte, stand auch regelmässig ein Surprise-Verkäufer. Ich habe ihn gefragt, ob er mit dem Heftverkauf zufrieden ist. Das war er. Deshalb habe ich ebenfalls zu Surprise gewechselt und bin nun sehr glücklich damit. Seit der Corona-Zeit verkaufe ich etwas weniger als vorher, aber die Leute geben meistens mehr Geld, als sie müssten. Das freut mich.

Einige meiner Kund*innen kenne ich noch aus der Zeit, als ich Karten verkaufte. Manchmal fragen sie mich, wo denn meine Karten sind. Ich mag es, mit Menschen in Kontakt zu treten und mit ihnen zu reden. Das Verkaufen gefällt mir, und ich bin froh über das Geld, das ich damit verdiene. Ich unterstütze damit meine Mutter, denn meine Geschwister haben keine Möglichkeit dazu. Und natürlich verdiene ich auch Geld, um meine Familie zu versorgen. Ich habe drei Kinder. Meine älteste Tochter ist 22 Jahre alt, meine beiden Buben sind zwölfeinhalb und neuneinhalb Jahre alt.

Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Das Leben ist schön, ich habe Kinder, ich arbeite für Surprise und sehe immer viele Menschen. Noch schöner wäre es, wenn ich irgendwann einen festen Verkaufsplatz hätte.