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In zwei Sprachen zuhause

Es ist Ende Oktober, feiner Regen fällt und zwei Männer unter schwarzen Regenschirmen laufen in ein Gespräch vertieft über die Strasse. Bardhec Berisha (55), neben ihm sein Freund Prend Buzhala. Sie gehen vom Bahnhof Luzern durch den Torbogen auf den See zu, geradeaus weiter zum Seebistro und setzen sich auf zwei freie Stühle. Der Mann mit dem grossen Schnurrbart klagt über das nasse Wetter, das er nicht gewohnt ist. Bardhec schüttelt den Kopf und sagt, Wasser sei das wichtige Element des Lebens und zum Glück gebe es in der Schweiz viel davon.

Bardhec ist im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, dort wo heute die Republik Kosovo liegt. 1981 beteiligte er sich an den Studentenunruhen, die unter anderem die Gründung eines unabhängigen Staats forderten. Die Demonstrationen wurden von der jugoslawischen Führung mit Gewalt aufgelöst und es gab viele Opfer. Zu dieser Zeit studierte Bardhec an der Universität von Priština albanische Literatur. Im Seebistro spricht er mit seinem alten Freund auf Albanisch über die Unruhen und übersetzt nebenbei für mich: «Die Demonstrationen wurden von vielen anderen Gruppen, wie Arbeitern und Lehrern, unterstützt. Aber leider wurden sie mit Gewalt niedergeschlagen.» In Folge der Demonstrationen wurde er von der Polizei verfolgt. 1983, Bardhec befand sich im letzten Jahr seines Studiums, flüchtete er aus seiner Heimat und gelangte über Österreich und Italien in die Schweiz. Hier fand er zunächst Arbeit auf dem Bau. «Die ersten dreizehn Jahre habe ich als Hilfsarbeiter und Maurer gearbeitet.» Daneben schloss er am Goethe-Institut ein Studium in Deutscher Sprache ab. In seiner restlichen Zeit beschäftigte er sich mit albanischund deutschsprachiger Literatur.

Während seine Freunde um die Häuser zogen, habe er in seiner freien Zeit Gedichte geschrieben oder Bücher berühmter deutscher Schriftsteller gelesen. «Ich war bereits als Student begeistert von deutscher Literatur, las die Werke von Goethe und Brecht», sagt Bardhec. Doch erst nachdem er in der Schweiz die Sprache gelernt hatte, konnte er sich ganz darin vertiefen. Lernte Schriftsteller wie Schiller, Hesse, Dürrenmatt, Grass und Frisch kennen, die ihn in seiner eigenen Arbeit inspirieren.

Bardhec arbeitet heute als Übersetzer in Emmenbrücke. Und hat inzwischen selber mehrere Bücher geschrieben und einige übersetzt. Ins Albanische zum Beispiel «Durst» von Beat Portmann, «Der Kanun», ein Buch über albanisches Gewohnheitsrecht, ins Deutsche. 2006 veröffentlichte er den Gedichtband «Mirëdita Liebste» («Guten Tag, Liebste») beim Brunner-Verlag. Darin sammelte er Gedichte an seine damalige Geliebte und heutige Frau, mit der er vier Kinder hat. «Ich mische die albanische Literatur mit der deutschen. Der Gedichtband ist auch eine Mischung von beidem.»

Prend Buzhala, der neben Bardhec sitzt, redigiert dessen Bücher auf Albanisch. Im vergangenen Oktober waren sie bereits einmal zusammen hier in Luzern am Woerdz-Festival. «Wir lasen dort Gedichte und Geschichten», sagt Bardhec. Seine erwachsenen Töchter Rosa und Blerta übersetzten ins Deutsche. Literatur helfe dem Menschen, die Welt zu erforschen und in verschiedenen Richtungen besser kennenzulernen, meint Prend Buzhala. Es stimme ihn jedoch nachdenklich, dass die Jüngeren immer weniger Bücher konsumierten: «Die neue Generation liest kaum Gedichte und Romane mehr, das schadet der Literatur und auch der Gesellschaft.» Doch Prend Buzhala schreibt weiter. Sein neuer Gedichtband auf Deutsch und Albanisch erscheint bald. Den Namen verrät er noch nicht.

Der kurdische Journalist KHUSRAW MOSTAFANEJAD, 31, floh 2011 aus dem Iran und lebt heute in der Schweiz. In Luzern besucht er häufig einen Freund, der in einer Wohngemeinschaft mit Bardhec Berisha wohnt. Dort hat er eines Tages auch Prend Buzhala kennengelernt.