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Sozialzahl
Ist Armut weiblich?

Armut könne alle treffen: Das ist schnell dahingesagt, Einzelfälle sind rasch aufgezählt. Doch die Fakten aus einer europaweiten Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen erzählen eine andere Geschichte. Hier nden sich zahlreiche Armutsquoten, die darüber Auskunft geben, wie viele Prozent der Gesamtbevölkerung mit einem bestimmten sogenannten sozioökonomischen Merkmal zur armutsbetroffenen Bevölkerung zählen. Sozioökonomische Merkmale sind zum einen das Geschlecht, die Nationalität oder das Alter, zum anderen die Bildung, das Einkommen oder die Stellung, die jemand in der Gesellschaft einnimmt. Diese Armutsquoten beziehen sich auf das Haushaltseinkommen und können auch als Armutsrisiken interpretiert werden. Sie geben an, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Person mit einem bestimmten sozio-ökonomischen Merkmal zur armutsbetroffenen Bevölkerung eines Landes gehört.

Die Armutsrisiken sind keinesfalls gleichmässig über die Gesamtbevölkerung verteilt. Die neuesten Zahlen zur Armut in der Schweiz stammen aus dem Jahr 2016. In jenem Jahr betrug die Armutsquote in der Gesamtbevölkerung 7,5 Prozent *. Das entspricht einer Zahl von rund 616 000 armutsbetroffenen Personen in der Schweiz.

Untersucht man die Daten genauer, werden ganz bestimmte Armutsrisiken sichtbar. Zum Beispiel das Geschlecht: Frauen sind deutlich häu ger arm als Männer. Die Armutsquote der Frauen betrug 2016 8,5 Prozent, jene der Männer 6,5 Prozent. Ein weiteres, hinlänglich bekanntes Armutsrisiko ist die Bildung. Auch hier zeigen sich deutliche Unterschiede. Wer lediglich die obligatorische Schulzeit absolviert hat, trägt mit einer Armutsquote von 12 Prozent ein deutlich höheres Armutsrisiko als jene mit einem Berufsabschluss auf Sekundarstufe II (Mittelschule, Berufslehre) oder einem tertiären Bildungsabschluss (Universität, Hochschule). Hier betragen die Armutsquoten 7,8 beziehungsweise 4,8 Prozent.

Wirklich interessant wird es, wenn man diese Armutsrisiken kombiniert betrachtet. Schliesslich weisen Menschen ja eine ganze Palette von sozio-ökonomischen Merkmalen auf. Untersucht man zum Beispiel die Armutsrisiken Geschlecht und Bildung miteinander, so zeigt sich, dass Frauen mit niedriger Bildung bei einer Armutsquote von 13,5 Prozent ein sehr viel höheres Armutsrisiko aufweisen als Männer mit der gleich tiefen Bildung (9,7 Prozent). Diese Schere schliesst sich mit steigendem Bildungsniveau. Für Frauen mit einem Tertiärabschluss liegt die Armutsquote bei 5,4 Prozent, für die Männer mit dem gleichen Bildungsstand bei 4,4 Prozent.

Naheliegenderweise könnte man weitere sozio-ökonomische Merkmale wie den Zivilstand oder das Einkommen in die Untersuchung einbeziehen und so ein immer genaueres Bild der Armut in der Schweiz gewinnen. Leider stösst man rasch an statistische Grenzen, weil die Stichprobe für solche Auswertungen zu klein ist.

Trotzdem sind schon solche zweidimensionalen Armutsquoten für die Armutspolitik von grosser Relevanz. Sie erlauben eine bessere Fokussierung der knappen Mittel auf Massnahmen für bestimmte soziale Gruppen mit besonders hohem Armutsrisiko. In unserem Beispiel spricht alles dafür, junge Frauen mit schulischen Schwierigkeiten speziell zu unterstützen. Sonst landen diese später als Putzfrauen oder Kellnerinnen in der Sozialhilfe.