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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
... ist betroffen

Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit: Ich muss, wenn ich ganz ehrlich bin, zugeben, dass ich keine Ahnung habe, was diese Begriffe bedeuten. Ich merke es daran, dass ich immer ein bisschen zusammenzucke, wenn Leute anfangen, darüber zu reden – weil ich mich vor dem leeren Pathos ekle, das dann häufig mitschwingt. Und dann schäme ich mich, weil ich ja selbst weiss, wie megawichtig Freiheit und Frieden und Gerechtigkeit tatsächlich sind. Mein Problem – oder sagen wir Privileg – ist, dass ich die Begriffe hauptsächlich aus Philosophieseminaren kenne: trocken und staubig. Und in Philosophiesemi­naren, zumindest in denen, die ich be­sucht habe, geht es selten um die Kontexte, in denen Freiheit und Frieden wirklich eine Rolle spielen. Es ging zum Beispiel nie um Waffenlieferungen und nie um geflüchtete Menschen.

Die Frage ist also, was die grossen Worte Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit wirklich wert sind, wenn wir ihre Bedeu­tung nicht fühlen, sie nicht mit Inhalt füllen können. Wenn sie lediglich als prot­zige Trophäe in der Vitrine unserer Demokratie stehen.

Und wenn dann Menschen kommen, die wirklich wissen, was all diese Werte heissen, weil sie ihnen vorenthalten wer­ den, sagen wir: «Neeein!», und machen die Vitrine zu wie eine strenge Mutter den Süssigkeitenschrank. Um dann umge­hend zu behaupten, das wahre Prob­lem sei, dass die Leute in Afrika Smart­phones hätten und sich gegenseitig Fotos von unserer Vitrine zeigten.

Inzwischen gibt es ja tatsächlich Leute, die argumentieren, wir könnten nicht so viele Geflüchtete ins Land lassen, weil sonst die rechten Bewegungen Auf­ schwung erhielten. Hah! Das heisst, die Rechten haben schon gewonnen.

Aber viel interessanter als das ewige Geplärre der Rechten ist ja eigentlich der Rest. Diejenigen, die per Gesinnung Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit mega­ wichtig finden. Ich zum Beispiel: Ich bin immer so betroffen, wenn es um Ge­flüchtete geht. Zack, sofort. Wie ein Reflex. Und doch habe ich in letzter Zeit nicht viel mehr als einen Screenshot der Spendennummer von Sea Watch ge­macht, um Geflüchteten zu helfen oder um mich gegen die Politik zu wehren, die den Umgang mit Geflüchteten bedingt oder gar zu Fluchtursachen beiträgt. Inte­ressiert es mich denn nicht wirklich? Was ist nur los mit mir, dass mich das mit den Flüchtlingen kein bisschen juckt? Also ein bisschen natürlich schon. Der tote Junge am Strand auf dem Foto, das um die Welt ging zum Beispiel, der war viel zu süss zum Sterben.

Ich fand es damals absurd, dass das Foto um die Welt ging, weil es doch veröf­fentlicht worden war, um «uns» aufzurüt­teln. Um Mitleid zu erregen. Widerlich, dass es das braucht. Aber ehrlich gesagt habe ich seitdem öfter Kommentare von Leuten gehört, die sich selbst bemit­leidet haben, weil ihnen die Bilder aus den Nachrichten nicht mehr aus dem Kopf gingen, als Leute getroffen, die sich tat­ sächlich engagiert haben. Also hat das Bild des toten Jungen vielleicht nicht einmal seinen Zweck erfüllt.

Wie viele Menschen sind inzwischen schon im Mittelmeer ertrunken? Wie viele wurden von unserer Polizei verprügelt? Wie viele von Ämtern gedemütigt? Wie viele genau? Warum weiss ich das nicht?

Ich habe die Freiheit, wegzuschauen. Den Frieden, mich nicht darum kümmern zu müssen. Und ich darf dabei sogar noch die Selbstgerechtigkeit haben zu behaup­ten, es mache mich betroffen.