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Serie: Die Unsichtbaren
Kamils letzte Kartoffel

Seit vielen Jahren kommt der Pole Kamil W. in die Schweiz, um Obst und Gemüse zu ernten. Er arbeitet viel, verdient wenig. Und sagt sich: Lieber das als nichts.

Auf den Werbeplakaten der Grossverteiler sieht man ihn nicht. Dort pflücken Schweizer Landwirte Tomaten, die Bäuerinnen schneiden Salate, alle schauen zufrieden, die Sonne lacht. Auch im 1500-Seelen-Dorf im Berner Seeland hat man ihn kaum gesehen in all den Jahren – dreizehn, um genau zu sein. So lange reist Kamil W.* aus Polen zweimal im Jahr in die Schweiz und hilft Bauer Michael H.* bei der Obst und Gemüseernte. Dabei hatte er mit Äpfeln und Kartoffeln nicht viel am Hut. Fast zwanzig Jahre arbeitete Kamil W. als Mechaniker, er war in den 1980ern Teil von Solidarnosc, einer selbstverwalteten Gewerkschaft, die aus der Streikbewegung hervorging und dann unter dem späteren Staatspräsidenten Lech Walsa massgeblich an der Revolution 1989 beteiligt war. Anfänglich euphorisch, gehörte Kamil W. später zu denen, die den Preis zahlen mussten für die marktwirtschaftlichen Reformen, auf die sich sein Land einliess: Nach der Privatisierung des Unternehmens, für das er so viele Jahre gearbeitet hatte, verlor er mit Ende dreissig – er war jetzt Vater von drei Kindern – Knall auf Fall seinen Job. Zwei Jahre war er arbeitslos, dann fuhr er als Fernfahrer quer durch Europa. «Damals musste sich meine Familie daran gewöhnen, dass ich immer wieder fort bin, manchmal Wochen, oft Monate.»

Dann, das war 2009, erfuhr Kamil W. per Zufall über ein Inserat, dass in der Schweiz dringend Erntehelfer*innen benötigt würden. Er reiste hin, arbeitete eine Saison lang bei Bauer Michael H. auf den Feldern, der Chef passte ihm, die Arbeit auch, und er kam wieder und wieder. In der Regel ist Kamil W. im Frühjahr für zwei Monate im Seeland und dann wieder ab September für weitere drei Monate. Die Arbeit sei eintönig, die Tage ebenso, sagt der Erntehelfer: «Morgens um halb sechs Uhr ist Tagwacht, um sechs werden wir – ein Dutzend Männer, die meisten Polen – von einem kleinen Bus abgeholt. Dann fahren wir auf die Felder, beginnen mit der Arbeit, sortieren zum Beispiel Kartoffeln. Um neun gibt es eine kurze Pause, dann wieder Kartoffeln. Mittagessen ist pünktlich um zwölf, ohne Ausnahme. Gegessen wird vor Ort, nur bei schlechtem Wetter geht’s zurück auf den Bauernhof. Meist sind wir nach einer halben Stunde wieder bei den Kartoffeln. Normalerweise arbeiten wir bis halb sechs, oft aber auch länger.» Je nach Wochentag – Bauer Michael H. bringt immer dienstags und samstags sein Gemüse und Obst auf den Dorfmarkt – kann es sein, dass Kamil W. zehn Stunden arbeitet. Im Schnitt kommt er auf 50 bis 55 Stunden die Woche.

3300 Franken kriegen Erntehelfer*innen dafür im Monat, das ist so etwas wie der Richtlohn in einer Branche, die vergleichsweise unreguliert ist. Tatsächlich unterliegt die Schweizer Landwirtschaft bis heute nicht dem Arbeitsgesetz; mithin gibt es auch keinen Gesamtarbeitsvertrag. Was die Arbeitszeiten angeht, unterscheiden sich die Normalarbeitsverträge von Kanton zu Kanton. So beträgt die Maximalarbeitszeit im Kanton Genf 45 Stunden die Woche, im Kanton Glarus dagegen 66 Stunden. Von den 3300 Franken werden fast 1000 für Kost und Logis abgezogen, dazu kommen Telefonrechnungen und Reisekosten – im Fall von Kamil W. betragen sie aufs Jahr gesehen bis 700 Franken, während Corona kamen 400 für PCR-Tests dazu. Rechnet man die Ausgaben auf einen durchschnittlichen Monatslohn um, so verdient Kamil W. noch 2200 Franken, macht auf 55 Arbeitsstunden pro Woche einen Stundenlohn von 10 bis 12 Franken.

Hohe Marge

«Könnte mehr sein, ja. Aber ich will nicht klagen», sagt Kamil W. dazu.

Und Bauer Michael H. meint: «Klar würde ich Kamil gerne mehr bezahlen. Aber eben.»

Wenn Michael H. ausholt und über die Veränderungen in der Schweizer Landwirtschaft während der letzten Jahrzehnte referiert, so ist der «Bauer aus Leidenschaft», wie er sich selbst tituliert, nicht zimperlich. Von «sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen» redet er – «auch ich rackere 50 Stunden die Woche, habe kaum mal Ferien» – und von «Knüppelverträgen», welche die Grossverteiler ihnen aufzwingen und die sie langsam, aber sicher ausbluten liessen. «Früher bekam der Landwirt von einem Franken 60 oder 70 Rappen, heute sind es noch 30; den Rest nehmen die Detaillisten. Und nun sagen Sie mir: Wie soll ich mit 30 Rappen auch noch meine Erntehelfer bezahlen können?»

Eine ernüchternde Antwort darauf gibt eine Studie aus Österreich: Von 80 Cent, die ein Bund Radieschen im Supermarkt kostet, gehen 50 Cent an den Grossverteiler – was eine deutlich geringere Marge ist als in der Schweiz – und von den 30 Cent für den Landwirt bleiben am Ende noch 3 Cent für den Erntehelfer.

Dass Kamil W. im Vergleich zum Durchschnittslohn in der Schweiz – er liegt bei 6600 Franken – so viel arbeiten muss für so wenig Geld, ist ihm klar. Auch weiss er um Bemühungen, die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer*innen zu verbessern. Im Oktober 2021 übergab das Netzwerk «Widerstand am Tellerrand» in Bern und Zürich eine Petition an die jeweiligen Kantonsregierungen. Die zentrale Forderung: eine Festlegung der Arbeitszeit für Erntehelfer*innen auf 45 Stunden die Woche sowie die Einführung eines über die Kantone hinweg verbindlichen Monatslohns von 4000 Franken.

Natürlich hätte Kamil W. nichts dagegen, weniger zu arbeiten und mehr zu verdienen. Doch er hat auch Vorbehalte. «Bisher ist diese Arbeit für Einheimische schon wegen des Lohnes unattraktiv. Was aber, wenn sie dabei mehr verdienen?» Hinter der Frage steht die Befürchtung, dass Erntehelfer*innen aus Ostoder Südeuropa den Kürzeren ziehen und ihre Jobs verlieren würden. «Dann lieber das als nichts», sagt Kamil W. und zuckt mit den Schultern.

Wie sehr Michael H. – sein Jahreseinkommen liegt übrigens bei 80 000 Franken – von Leuten wie Kamil W. abhängig ist, wurde ihm bewusst, als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie einsetzte und Erntehelfer*innen namentlich aus Osteuropa, Spanien und Portugal rar wurden. «Ich hatte stattdessen Schweizer*innen angeheuert, Student*innen, Lehrlinge, Arbeitslose, aber vergiss es! Die Arbeit ist hart, und der Lohn für hiesige Verhältnisse ja wirklich lausig. Kein Wunder, waren sie nach ein paar Tagen alle wieder fort. Und ich in der Patsche.»

Hinterm Bauernhof

Als die Grenzen innerhalb der europäischen Länder geschlossen wurden, fehlten also plötzlich genau jene, die in der Landwirtschaft ansonsten gar nicht erst wahrgenommen werden: die rund 30 000 ausländischen Erntehelfer*innen allein in der Schweiz – in Italien sollen es 370 000 sein, in Frankreich 200 000 und in Spanien bis 150 000.

Seit Jahren leben Kamil W. und die anderen Erntehelfer hinter dem prachtvollen Bauernhof von Michael H. in eigens für sie hergerichteten Behausungen, die von der Strasse her nicht zu sehen sind. Früher handelte es sich dabei um eine Art Schopf; heute stehen dort vier Container mit Klappbetten, einem Schrank und einem kleinen Tisch, Toilette und Dusche sind separat – ganz so, wie man es von Asylzentren für Geflüchtete kennt. «Das hat mich nicht wenig gekostet, aber es lohnt sich: Gute Unterkunft verspricht gute Leistung, nicht wahr?», sagt Bauer Michael H. und nickt sich selber zu. Für ihn sind seine Erntehelfer ein unverzichtbares Kapital, genauso wie es seine Traktoren und all die anderen Gerätschaften sind.

Im Container hinterm Bauernhaus verbringt Kamil W. seine Abende. Die Erntehelfer essen miteinander Znacht, sie trinken ein Bier oder zwei, dann verziehen sie sich in die Container, löschen früh das Licht. «Nach solchen Tagen bist du geschafft, da bleibt nicht viel Zeit und Energie für anderes.» Mit «anderes» meint Kamil. W.: ein Kartenspiel, ein Gespräch über Gott und die Welt oder ein wenig Tratsch, ein Spaziergang ins Dorf, ein Nachtessen in der Wirtschaft. Er ist mit seinen 62 Jahren der Älteste unter den Erntehelfern, was ihm zu schaffen macht. «Die Jungen hängen die ganze Zeit am Handy oder haben ihre Kopfhörer an und hören Musik.»

Dass sich Kamil W. über die Jahre isoliert hat, entfremdet von seiner Familie und den Freund*innen, ist ihm erst spät aufgefallen. «Bin ich in der Schweiz, gibt es nichts anderes als Rüben, Tomaten, Peperoni, Kohl, Salate oder Kartoffeln. Bin ich zuhause, fühl ich mich ausgepumpt. Dann bin ich am liebsten für mich. Oder ich nehme kleinere Jobs an, fahre Lastwagen, auch da bin ich meist alleine.» Die Kinder seien inzwischen erwachsen, seine zurückgezogene Art würde ihnen gar nicht auffallen. Anders seiner Frau. Schon manches Mal sei die Ehe auf der Kippe gewesen, sie wollte ihn verlassen. Kamil W. kann ihr das nicht verübeln. «Ich habe sie zu oft allein gelassen, mit den Kindern, dem Haushalt, mit allem. Aber hatte ich denn eine Wahl?»

Das soll sich jetzt ändern. Es ist Oktober und bald Schluss mit der Ernte, und zwar endgültig. «Ich bin über sechzig, meine Gelenke knirschen, die Arbeit wird nicht leichter. Das waren meine letzten Kartoffeln. Jetzt sind meine Söhne dran.» Der eine arbeitet, wie einst Kamil W., als Fernfahrer, der andere hat eine gutbezahlte Stelle bei einem polnischen Unternehmen. Die beiden würden ihm und seiner Frau gewiss unter die Arme greifen, sollten die Rente und das bisschen Ersparte nicht reichen. Vielleicht wird er auch noch den einen oder anderen Auftrag als Fahrer annehmen. «Und ansonsten lege ich endlich die Beine hoch», sagt Kamil W., und in seinem runden Gesicht liegt ein zufriedenes Grinsen.


* Namen geändert