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Magazin
Keine Wahl

«Ich habe ab jetzt viel Zeit und kann deine Haare jederzeit machen», sagt meine Freundin Salem, die in den letzten zwei Jahren wegen ihrer Ausbildung im Gesundheitsbereich kaum Musse für meine Haare hatte. «Wieso?! Habt ihr Schulferien?», frage ich. Salem kommt wie ich aus Eritrea und lebt seit drei Jahren als aufgenommene Geflüchtete in der Schweiz. Sie heisst eigentlich anders, möchte aber lieber anonym bleiben. Salem hat in ihrer Heimat Eritrea eine Ausbildung zur Lehrerin gemacht und ein paar Jahre in Schulen gearbeitet. Nach ihrer Flucht in den Sudan war es ihr Traum, nach Kanada zu gehen. Aus verschiedenen Gründen landete sie aber nach mehreren Jahren in der Schweiz. Sofort fing sie an, Deutsch zu lernen. Ihr war klar, dass die Sprache der Schlüssel dafür ist, hier ein Leben aufzubauen.

Salems Ziel war eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Sie hat seit ihrer Kindheit davon geträumt, in diesem Bereich zu arbeiten. Also fing sie an, intensiv Deutsch zu lernen, nicht nur am Tag, sondern auch in gratis Deutschkursen am Abend. Nach einem halben Jahr Sprache lernen und der Suche nach einer Lehrstelle bekam Salem die Gelegenheit, eine entsprechende Vorlehre und später die Lehre zu machen.

In vielen Berufsbereichen ist es nicht selbstverständlich, dass geflüchtete Menschen eine Ausbildung machen. Es gibt nur drei berühmte Sphären, in denen sich die meisten wiederfinden: Alterspflege, Reinigung, Gastronomie. Wenn ich von anderen Geflüchteten höre, wie extrem schwierig es für sie ist, ihren Wunschberuf zu erlernen, frage ich mich manchmal, ob sie dies bereits als Normalität akzeptiert haben und sich nicht genug bemühen – obwohl ich genau weiss, wie schwer der Zugang zum Arbeitsmarkt für Leute mit Fluchthintergrund ist. Oder woran könnte es wohl liegen?

Im Vergleich zu vielen Menschen in Salems sozialem und beruflichem Umfeld sind die Fortschritte, die sie macht, aussergewöhnlich. Wir kennen uns sehr gut, und ich sehe selber, was für eine fleissige und hart arbeitende Frau sie ist. Sie ist wirklich bereit, alles daranzusetzen, ihren Traumjob zu lernen – koste es, was es wolle. Trotz der Herausforderungen, die sowohl die Sprache als auch das Fach an sich stellen.

«Ich habe meine Lehre abgebrochen», antwortet Salem auf meine Frage nach ein paar Minuten der Stille. Ich kann es nicht glauben. Ich bin enttäuscht und mir fehlen die Worte, um sie zu trösten. «Dieser Beruf war seit meiner Kindheit mein Traum. Schon mein Grossvater arbeitete im Gesundheitswesen, und ich habe mich als Kind immer darüber gefreut, dass er Menschen die Lebensfreude zurückgeben konnte», fährt sie fort. «Nach dem Gymnasium wollte ich eine medizinische Ausbildung machen, aber das war nicht möglich, weil die Menschen in unserem Land ihren Beruf nicht frei wählen dürfen. Hier dachte ich, endlich den Lohn meiner harten Arbeit zu ernten. Aber es ist extrem schwierig, den Leuten immer wieder beweisen zu müssen, dass auch ich das Potenzial für diesen Job habe. Ich bin müde von diesem Widerstand», sagt sie, und wieder herrscht Stille.

Ich kenne viele Leute, denen es so geht wie Salem. Die alles tun, um eine Ausbildung – im besten Fall: ihre Traumausbildung – zu machen. Und dann sehe ich den Arbeitsmarkt, der alles andere als inklusiv ist. Bei einem Elternabend an einer Schule für junge Erwachsene habe ich gehört, dass es in der Schweiz mehr als 300 Berufsbereiche gibt. Aber wenn in Gesprächen mit jungen Erwachsenen die Mitarbeitenden der Behörden fragen: «Was möchten Sie denn gern arbeiten?», würde ich gern zurückfragen: «Gute Frage. Aber ist der Arbeitsmarkt auch bereit für die Antwort?»