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Challenge League
Kinderrechte - für wen?

Ich treffe heute Nahom, einen von Hunderten unbeglei­teten minderjährigen Asylsuchenden, die ich in den letzten Jahren für verschiedene Organisationen begleitet habe. Obwohl ich für diese Arbeit nicht mehr offiziell angestellt bin, ist es mir und den Jugendlichen weiterhin wichtig, in Kontakt zu bleiben und uns gegenseitig zu unterstützen. Diese Verantwortung ist anstrengend, weil es über die eigenen Kapazitäten hinausgehen kann. Aber sie ist auch spannend.

Noch vor einem Jahr freute ich mich regelmässig darauf, Nahom zu treffen. Es interessierte mich, wie es ihm in der Schule, mit seinen Freunden und in der Fussball­mannschaft ging. Und wir unter­ nahmen spannende Sachen zusammen. Leider habe ich dieses Gefühl heute nicht mehr. Wenn ich wählen dürfte, würde ich ihn lieber nicht mehr treffen, aber ich zwinge mich dazu.

Nahom ist der älteste Sohn seiner Familie und hat noch drei jüngere Geschwister in Eritrea. Sein Vater war Soldat. Die Familie sind Bauern, der Vater kam nur ab und zu in den Ferien nach Hause. Als Nahom 12 Jahre alt war, verschwand der Vater plötzlich. Die Familie hörte Gerüchte, dass er im Gefängnis sei. Bis heute wissen sie nicht, ob er noch lebt. Ab diesem Moment musste Nahom seiner Mutter helfen und konnte nicht mehr regelmässig zur Schule gehen. Die Behörden drohten, ihn ins Militär zu schicken. Deshalb entschied er sich mit 14, Eritrea zu verlassen. Nach zwei Jahren auf der Flucht kam Nahom 2015 in die Schweiz. Von Anfang an gab er sich Mühe, die Sprache zu lernen, zwei Jahre später schon begann er mit einer Lehre als Sanitärinstallateur. Er war beliebt bei den Kollegen und beim Chef.

Im August 2018 bekam Nahom einen Brief vom SEM mit dem Bescheid, dass er nicht mehr in die Schule gehen und auch seine Lehre nicht fortsetzen dürfe. Innerhalb eines Monats müsse er die Schweiz verlassen. Seit sechs Monaten sitzt er nun in einem speziellen Ausschaf­fungscamp. Noch darf er sich frei bewegen, ob er dem­ nächst in Haft genommen wird, ist ebenfalls unklar.

Nachdem wir etwas gegessen haben, gehen wir spazie­ren. Es herrscht Schweigen zwischen uns. Plötzlich fragt mich Nahom, während er sich am Kopf kratzt und dabei auf dem Boden schaut: «So ... was gibt es Neues?» Es ist diese Frage, die mich daran hindert, ihn öfter zu treffen. Was soll ich ihm sagen? Ich antworte aus­ weichend. Dann erzähle ich ihm von einem Artikel, den ich gelesen habe und in dem es um Ausschaffung und Kinderrechte ging. Nahom fragt: «Was sind Kinder­ rechte?» Wie soll ich das einem Jugendlichen erklären, dessen ganze Lebensgeschichte und Alltag in Diskre­panz zur geltenden Kinderrechtskonvention stehen? Ich gebe mein Bestes. Nahom findet es interessant und fragt weiter: «Gelten die Kinderrechte auch für mich?»

Gemäss Uno­Konvention gelten die Kinderrechte für alle Menschen unter 18 Jahren. Länder wie Eritrea und die Schweiz, die diese Kon­vention unterzeichnet haben, sind zur Einhaltung verpflichtet. Zahl­ reiche Kinder und Jugendliche sind jedoch aus unterschiedlichen Grün­ den gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen, und nehmen gefährliche Fluchtrouten auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Kauf.

So wie Nahom, der inzwischen 19 Jahre alt ist. Er hat zwar Glück gehabt, in einem sicheren Land wie der Schweiz zu landen. Und doch war und ist er hier einem Asylver­fahren unterworfen, das die Kinder­ rechte zu wenig berücksichtigt. Wann aber sollen dann die Kinderrechte gelten, wenn nicht hier und jetzt und für alle?