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Sans-Papiers
Leben im Verborgenen

100 000 Menschen leben und arbeiten in der Schweiz ohne Aufenthaltsbewilligung. Das Buch «Die Unsichtbaren» gibt einen Einblick.

«Die Angst, entdeckt zu werden, ist mein ständiger Begleiter.» Das war einer der ersten Sätze, die Sanella D.* zu mir sagte, als ich sie vor einigen Jahren traf, um mit ihr über ihr Leben als Sans-Papiers in der Schweiz zu reden – als Bosnierin, die schon über zehn Jahre hier lebt, eine Familie hat und ihrer Arbeit nachgeht, jedoch keine Aufenthaltsbewilligung besitzt. Ich kann mich gut erinnern, wie sie mir erzählte, dass sie einmal vergass, ein Trambillet zu lösen. Kaum eingestiegen, hatte sie es bemerkt. «Die kurze Fahrt bis zur nächsten Station war die Hölle. Als ich ausstieg, war ich schweissnass.» Diese Angst ist auch der Grund, warum Sanella D. um keinen Preis auffallen will. «Ich kleide mich immer korrekt, bin nie laut, stehe nicht in Parks herum und meide Orte, wo sich andere Ausländer*innen aufhalten. Ich bin angepasster als jede Schweizerin», scherzte Sanella damals. Und fügte nach einer Pause trocken an: «Einfach nur unsichtbar.»

Rund 100 000 Sans-Papiers soll es in der Schweiz geben, so genau weiss das niemand, müssen diese Menschen sich doch, notgedrungen, verdeckt halten. Die meisten leben hier, weil sie Arbeit brauchen. Die Frauen sind mehrheitlich in Privathaushalten tätig, viele kommen, wie Sanella, aus Osteuropa oder aus Lateinamerika. Allzu viel aber ist über die Sans-Papiers nicht bekannt. Nun aber gibt es ein Buch über die «Unsichtbaren», das erste dieser Art in der Schweiz. Tanja Polli, eine Journalistin, und Ursula Markus, eine Fotografin, haben zwanzig Sans-Papiers porträtiert, sie haben lange Gespräche geführt, haben einige von ihnen bei sich zuhause getroffen, andere auf einem Spaziergang oder in der Kirche: Fany etwa, eine 63-jährige Nanny und Opfer häuslicher Gewalt, die von ihrem Mann während drei Monaten in der Wohnung eingesperrt wurde; Antonella, 63, Mutter von fünf Kindern, die sich in Zürich prostituiert; Negussie, 34, ein eritreeischer Marathonläufer, der sich seit zehn Jahren in der Schweiz aufhält; oder William, 53, ursprünglich aus Brasilien, ein Handwerker, der zusammen mit seiner Freundin in Genf lebt, in einem Studio mit 25 m2 für 1750 Franken Miete im Monat.

 

Differenziertes Bild

Die Geschichten, die Polli und Markus in ihrem Buch versammeln, sind vielfältig – und berührend. Viele handeln von einem Leben, das mit Arbeit ausgefüllt ist, das mit Entbehrungen einhergeht, mit Existenzängsten und Hoffnungen, die immer wieder zu schwinden drohen. Es sind dies Erzählstoffe, die oft genug ins Dramatische abgleiten oder Gefahr laufen, überhöht zu werden: Einzelne Menschen werden auf ihr Leid reduziert und zu tragischen Stellvertreter*innen einer ganzen Gruppe stilisiert, die angeblich alle dasselbe Schicksal teilen.

Nichts davon findet sich im Buch «Die Unsichtbaren». Polli lässt in den Texten die Menschen selbst reden, sie ist «bloss» die Protokollantin der Gespräche, und das tut sie in einer gleichermassen nüchternen wie authentischen Sprache. Auch Markus beschränkt sich in ihren Schwarzweiss-Bildern aufs Wesentliche, sie sucht weder die Dramatik noch stülpt sie den Szenen und Porträts von aussen eine Ästhetik über. Dazu kommen in Form von Interviews Meinungen und Einschätzungen von Menschen, die sich für Sans-Papiers einsetzen, die auf Beratungsstellen arbeiten, sich aktivistisch betätigen und auf politischer Ebene etwas zu bewegen versuchen: das Spektrum der Themen reicht von grundsätzlichen Überlegungen zum Bleiberecht bis hin zu spezifischen Diskussionen über die Voraussetzungen für Härtefallgesuche. So entsteht ein differenziertes Bild von Menschen, die immerhin 1.2 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen und die mitten unter uns sind, obschon fast niemand sie bewusst sieht. Das Buch von Polli und Markus macht sie, daran besteht kein Zweifel, zumindest sichtbarer.

«Wir wissen zu wenig über sie» Vorurteile und Unwissenheit verhindern, dass man sich auf politischer Ebene für Sans-Papiers einsetzt, sagt Tanja Polli, Autorin von «Die Unsichtbaren».

Tanja Polli, wie haben Sie von den Sans-Papiers erfahren?

Das war zu Beginn der Corona-Pandemie, als in Städten wie Zürich Leute auf der Strasse für einen Sack Reis anstehen mussten. Die Fotografin Ursula Markus, mit der ich oft zusammenarbeite, und ich wollten wissen, was für Menschen das sind. Da hat sich herausgestellt, es waren viele Sans-Papiers darunter. So sind erste Kontakte entstanden.

Hatten diese Leute überhaupt ein Interesse, mit Journalistinnen zu reden?

Es war nicht bei allen vorhanden, aber doch bei den meisten: das Bedürfnis, über ihr Leben zu erzählen, über ihre Ängste, die sie nach zehn oder mehr Jahren, in denen sie in der Schweiz leben, immer noch haben. Viele von ihnen arbeiten unter prekären Bedingungen, sie müssen immerzu fürchten, entdeckt und ausgeschafft zu werden. Umso wichtiger war es, Vertrauen aufzubauen. So ergab sich eine Art Zusammenarbeit, wir haben viele Gespräche geführt, sind die Texte mit ihnen durchgegangen, haben gemeinsam die Bilder ausgewählt.

Man geht davon aus, dass 100 000 Sans-Papiers in der Schweiz leben, vermutlich sind es mehr. Trotzdem kommen sie politisch kaum vor. Wieso?

Ich denke, wir wissen einfach zu wenig über die Situation dieser Leute, das zeigen die Vorurteile, die nach wie vor verbreitet sind: Sans-Papiers hätten es auf unsere Sozialwerke abgesehen, heisst es etwa. Dabei können sie, schon aufgrund ihrer Situation, gar keine Sozialhilfe beziehen. Die Arbeit, die sie leisten, ist für die Schweiz systemrelevant. Das ist kaum jemandem bewusst. Die allermeisten Sans-Papiers haben sehr harte Jobs, die sie für wenig Geld machen müssen. Unwissen gibt es auch unter Politiker*innen, und ich kann mir vorstellen, dass dies mit ein Grund ist, wieso auf dieser Ebene zu wenig passiert. Dabei geht es auch anders.

Woran denken Sie?

An das Genfer Projekt «Opération Papyrus» zum Beispiel. Es wurde 2017 mit dem Ziel initiiert, den Aufenthaltsstatus von Sans-Papiers zu legalisieren, die lückenlos über zehn Jahre in Genf gelebt und gearbeitet haben; für Familien mit schulpflichtigen Kindern waren es fünf Jahre. Bis Ende 2018 – so lange dauerte das Projekt — erhielten 2900 Menschen eine Aufenthaltsbewilligung B. Der Kanton Genf zog eine durchweg positive Bilanz und sah in diesem Ansatz unter anderem ein wirksames Mittel gegen Schwarzarbeit. Trotzdem war ein ähnlicher Vorstoss im Kanton Zürich chancenlos; das Problem sei dort zu marginal, hiess es. Dabei leben im Grossraum Zürich mehr Sans-Papiers als im Kanton Genf.

Tanja Polli, 53, lebt und arbeitet als freie Journalistin sowie Kultur und Reiseveranstalterin in Winterthur. Sie ist Autorin u.a. von «Die Rebellin» (2016) und «Ein Leben für die Kinder Tibets» (2019).