Skip to main content
Sexarbeit
Leere Betten

Keine Freier, keine Sicherheit: Auch die Sexarbeitenden sind von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen. Surprise hat sich mit einer von ihnen unterhalten.

Ende Februar, sagt Sexarbeiterin Jawal, 47, hätten Stammkunden bei ihr angerufen, sich entschuldigt, in zwei, drei Wochen, hätten sie gesagt, sei dieser Corona-Spuk gewiss vorbei und alles gut. Sorgen habe sie sich keine gemacht, damals. Dann hörte sie von Kolleginnen, die von einem Tag auf den anderen den Flieger nahmen oder in den Zug stiegen – nach Thailand, Brasilien, Rumänien, Bulgarien, Portugal, Italien. Und Jawal fragte sich, ob auch sie nach Pattaya zurückkehren sollte, wo ihre Familie lebt, ihre drei Töchter, die alte Mutter.

Doch sie blieb. Dreimal im Jahr ist sie dort auf Besuch, doch daheim fühlt sie sich in Thailand schon lange nicht mehr. Vor sieben Jahren kam die gelernte Masseurin in die Schweiz, auf Anraten einer «Tante», wie die Thailänderinnen die Frauen nennen, die sie ins Geschäft einführen. Erst arbeitete sie in einem Etablissement in der Zürcher Altstadt, dann war sie für zwei Jahre in Bern, seither in Biel.

Die Wohnung unweit vom Bahnhof teilt sich Jawal mit einer jungen Thai, vier Zimmer, zwei Toiletten, eine Küche, ein Abstellraum, alles dunkel und klein, für 4380 Franken im Monat inklusive – der hohe Preis ist nicht unüblich, die Räume werden gewerblich genutzt. Macht also rund 2200 für Jawal, die hier aber nicht nur arbeitet, sondern auch noch wohnt, kocht, putzt, die Wäsche macht, ihre Einkäufe sortiert, mit der Familie telefoniert, schläft. Und jetzt die Zeit totschlägt. Bis zum 19. April, so der Beschluss des Bundesrates, ist hierzulande auch die Sexarbeit verboten.

Das wären dann, rechnet Jawal aus, fast zwei Monate nur Ausgaben, 9500 Franken alles in allem, wenn sie sparsam ist.

Die meisten Sexarbeitenden hierzulande sind, wie Jawal, als Selbständige tätig, und viele von ihnen wohnen am selben Ort, wo sie auch arbeiten, sagt Christa Ammann von der Fachstelle Sexarbeit XENIA. Häufig seien dies Wohnungen in «normalen» Mehrfamilienhäusern oder Blocks. «Allerdings haben viele Sexarbeitende befristete Mietverträge. Bleiben die Freier aus – wie jetzt in der Corona-Krise –, können sie auch ihre Räumlichkeiten nicht mehr bezahlen», sagt Ammann.

Auch für Jawal wird es eng. Es gab Zeiten, da konnte sie auf die Seite legen, ein wenig für ihre Töchter, ein bisschen für sich selbst. Bis immer mehr Frauen aus dem Osten kamen, auch nach Biel, und die Preise drückten für alles und jeden. Seither laufe ihr Geschäft mehr schlecht als recht. «Ich bin wie ein später Sommer. Manche Männer mögen das, viele eher nicht», sagt Jawal. Unter 80 Franken gehe nichts bei ihr, das sei auch eine Sache der Würde, höchstens mal Oral mit Kondom auf die Schnelle für 50. Zwischen 40 und 50 Kunden pro Monat braucht Jawal, die sich auf Erotikportalen mit dem Vermerk «7/24» anbietet.

Jetzt hofft Jawal auf Unterstützung – doch von wem? Eine Kollegin, so erzählt sie, arbeite in einem Etablissement ein paar Strassen weiter, der Betreiber, zugleich Besitzer der Liegenschaft, habe wie andere Unternehmer auch Kurzarbeit beantragt und ihr eine Mietreduktion angeboten. Auch von offizieller Seite wurde an die Betreiber appelliert, wie Alexander Ott von der Fremdenpolizei der Stadt Bern bestätigt: «Wir haben sie aufgefordert, die Sexarbeitenden vorübergehend zu beherbergen, damit sie nicht auf der Strasse landen.»

Bei Jawal aber ist die Situation eine andere, sie arbeitet für kein Etablissement, sondern «privat» und trägt damit ihr unternehmerisches Risiko selbst. Sollte sie ihre laufenden Kosten nicht mehr decken können und ist ihr Erspartes aufgebraucht, bleibt am Ende nur der Gang zum Sozialamt. Aufseiten der Behörden heisst es, man wolle für Selbständige unbürokratisch und zügig Hilfe leisten – was auch für Sexarbeitende gilt. Dabei sei in diesem Stadium der Corona-Krise Information und Beratung vorrangig. So hat das Bundesamt für Gesundheit BAG dieser Tage eine Stelle für das neue Netzwerk Prokore (Prostitution, Kollektiv, Reflexion) finanziert, welches sich konkret mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Sexarbeitende in der Schweiz befasst. Eines der Ziele ist es, für Sexarbeitende eine unkomplizierte, effiziente Unterstützung durch Nothilfe oder Sozialhilfe aufzubauen.

Ob sie sich bei den Sozialdiensten melden wird, weiss Jawal noch nicht. Sie befürchtet, dass ihre Aufenthaltsbewilligung dann nicht erneuert würde. Dass die Thailänderin ihre dunklen Gedanken und ihr Sorge um ihre Gesundheit wegdrängt, zeigt die Not, in der viele Sexarbeitende ohnehin stecken. «Wenn sie keine Unterstützung bekommen, sind sie gezwungen zu arbeiten – trotz Verbot», sagt Christa Ammann von XENIA.

Auch Jawal denkt inzwischen laut darüber nach. Manche bieten Telefonsex an, doch das sei ihre Sache nicht; eine Freundin mache Hausbesuche, eine andere nehme nur Stammkunden, die jung und gesund sind, manche seien wieder auf der Strasse. Jawal wartet noch ab. Allzu lange hoffen aber wolle sie nicht. In Thailand, sagt sie, laute ein Sprichwort: «Zu viele Hoffnungen verderben das Leben.»