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Film
«Liebe kann man nur über Zeit beweisen»

Der Spielfilm «Prinzessin» zeigt die Alkohol- und Drogensucht ungeschönt. Die Geschichte berührt, weil für Regisseur Peter Luisi immer eins an erster Stelle steht: das Interesse für den Menschen.

Peter Luisi, Sie schreiben und inszenieren sowohl Komödien als auch Dramen, und bei beiden fällt auf, dass oft soziale Themen drinstecken. Sie gucken gerne an die sogenannten Ränder der Gesellschaft. Warum?
Grundsätzlich finde ich wichtig, dass ein Film eine gute Geschichte erzählt. Wenn man nun auch ein soziales Thema in eine Komödie verpacken kann, ist es meiner Meinung nach für ein breites Publikum am zugänglichsten. Mein Film «Schweizer Helden» von 2014 handelte von Asylbewerber*innen. Wenn sich ein Publikum den Film anschaut, will es ja wahrscheinlich in erster Linie unterhalten werden, bekommt dabei aber Einblick in die Asylthematik. Also in eine Realität, die vielen vielleicht sonst nicht begegnen und mit der sie sich nicht auseinandersetzen würden. 

In Ihrem neuen Film «Prinzessin» geht es um Sucht in unterschiedlicher Ausprägung. Josef, der Protagonist, ist alkoholabhängig. Und seine Nichte Nina, am Anfang des Films ein süsses kleines Mädchen, wird viele Jahre später von einer Drogensucht eingeholt. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich darüber erstaunt war, weil sie als Kind so liebenswert ist, ihre Welt so heil. 
Ich habe Interviews mit Alkoholkranken geführt. Sie haben darauf hingewiesen, dass Sucht eine Krankheit und keine Charakterschwäche sei, was mir sehr eingeleuchtet hat. Niemand war schon immer «kaputt». Es kommt zuerst die Sucht und dann der Verfall, und es gibt bei manchen auch einen Weg heraus. Der zeitliche Verlauf im Film kann das zeigen, die Figuren wandeln sich stark. Ich habe dann beim Casting übrigens nochmals gemerkt, dass Stereotypen zum Thema wurden. Mir sagten Leute: <Ich stelle mir Alkoholiker immer etwas aufgebläht vor.> Fabian, der den Josef spielt, ist dünn. Ich wollte keine Bilder in den Köpfen erfüllen. Ich wollte einen Schauspieler, der die Rolle gut spielt. 

Als Josef auf das Kind aufpasst, merkt er erst, dass er in seiner Rolle nicht mehr funktioniert. Erst von diesem Moment an wird die Sucht für ihn zur Last. 
Er merkt da, dass es nicht nur um ihn geht. Es wird ihm bewusst, dass er seine Pflicht als Mensch nicht mehr erfüllen kann. Dass er es nicht schafft, für andere da zu sein. Sich um das Kind zu kümmern, ist für ihn eine Aufgabe im Leben, die wichtiger und grösser ist als er selbst. Ich habe bei Recherchen erfahren, dass es zu einer Wende führen kann, wenn Menschen eine Aufgabe finden, die sie als grösser und wichtiger wahrnehmen als sich selbst. 

Ihre Hauptfigur ist schwer alkoholabhängig, duscht sich offenbar nicht und bringt seine kleine Nichte in Gefahr. Sie zeigen die Sucht ungeschönt, der körperliche Zerfall auch durch harte Drogen ist deutlich sichtbar. Ist es schwierig, eine solche Geschichte ins Kino zu bringen?
Oft sagt man, ein Film darf keine unsympathische Hauptfigur haben, aber ich finde Figuren eigentlich nie unsympathisch. Ich meine, sie haben Probleme wie wir alle. Und das sind für mich Geschichten, die erzählenswert sind. Ich sehe mich als Autorenfilmer in dem Sinn, dass ich mir die Freiheit herausnehme, diejenigen Geschichten zu erzählen, die ich wichtig finde. Gleichzeitig habe ich durchaus auch das Bedürfnis, die Zuschauer zu unterhalten. Das ist eigentlich eine ungewöhnliche Mischung, vielen Autorenfilmern gilt der Unterhaltungswert als billig. Ich musste aber keine Produzenten überzeugen, weil mein Bruder und ich meine Filme selbst produzieren. Die Geldgeber aber natürlich schon. Vom Bundesamt für Kultur haben wir kein Geld bekommen. Aber ich wurde vom Schweizer Fernsehen und von blue finanziell unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin und was mich auch etwas überrascht hat, weil der Film nicht auf eine klassische Art zugänglich ist. Von der Zürcher Filmstiftung wurde der Film ebenfalls unterstützt. 

Im Abspann verdanken Sie die Stiftung Sucht Schweiz. Von welchem Moment an haben Sie bei Betroffenen und Fachleuten zu recherchieren begonnen?
Ich habe Gespräche mit drei Alkoholkranken geführt. Dann habe ich mit einer Person geredet, die lange im Sunne-Egge in Zürich gearbeitet hat, einer Anlaufstelle für Heroinabhängige, und mit einem Arzt der Pfarrer Sieber Stiftung. Ich wusste da bereits, was für eine Geschichte ich erzählen möchte. Ich wusste auch, dass ich sie mit einem Zeitsprung erzählen möchte. Ich wollte die erwachsene Nina mit dem Kind kontrastieren, das sie mal war. Ausserdem wollte ich zeigen, dass Josef, der Nina verspricht, für sie da zu sein, sein Versprechen über Zeit wirklich hält. Mir hat einmal jemand gesagt: Liebe kann man eigentlich nur über Zeit beweisen. Hier und jetzt jemandem alles in der Welt zu versprechen, ist einfach – aber wie sieht es in 30 Jahren aus? Die Handlung und Struktur hatte ich bereits, als ich zu recherchieren begann. Aber ich wollte sie in den Details möglichst authentisch erzählen. Ich finde, auch wenn man eine fiktive Geschichte erzählt, hat man eine Verantwortung, dass man nicht irgendeinen Mist erzählt. 

Wieso hat Sie die Sucht als Thema überhaupt interessiert?
Zum einen habe ich den Platzspitz noch erlebt, und zum anderen hat mich ein Dokumentarfilm von Rolf Lyssy, <Wäg vo de Gass!>, stark beeindruckt. Ich habe es fast nicht ertragen, wie die Sucht den Menschen ihr Lebens raubt. Mich interessierte, wie das passieren kann. Und wie man Süchtigen gegenüber empathisch bleibt, obwohl es manchmal schwierig sein kann. Obwohl man auch verarscht werden kann von jemandem, der nur noch seine Droge sucht. Oder obwohl man auch mit Hilfsangeboten aufläuft.

Was kann denn ein Film, was zum Beispiel eine Organisation, die Sensibilisierungsarbeit macht, nicht kann?
Ich finde, ein Film hat die Kraft, empathiefördernd zu sein. Man lebt ja zwangsläufig immer nur sein eigenes Leben und blickt meistens aus seiner eigenen Perspektive auf die Welt. Ein Film oder ein Buch versetzt einen für eine bestimmte Zeit in die Welt von jemand anderem. Vielleicht eben auch in die von jemandem, der ein Alkoholproblem hat. Ich glaube, indem man in andere Rollen schlüpft und damit die Welt auch einmal aus einer anderen Perspektive sieht, baut sich auch emotional ein Verständnis für andere Lebensrealitäten auf. 

 
«Prinzessin», Regie Peter Luisi, CH/Ukraine 2021, 101 Min., mit Fabian Krüger, Matthias Habich, Johanna Bantzer. Läuft ab 27. Januar im Kino. 


Berührendes Drama
Wir schreiben das Jahr 1985. Der alkoholabhängige Josef hat sich in das baufällige Haus seiner Mutter zurückgezogen. Als seine Schwester mit ihrer vierjährigen Tochter Nina in die andere Wohnung einzieht, entwickelt sich zwischen der Kleinen und dem Onkel eine Freundschaft. Fünfunddreissig Jahre später treffen sie wieder aufeinander. 

 

Regisseur, Drehbuchautor und Produzent
Peter Luisi, 47, hat 1998 an der University of Carolina, Santa Cruz, seinen Abschluss in Filmproduktion gemacht. 2000 gründete er die Spotlight Media Productions AG und arbeitet seither als freischaffender Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Seine bekanntesten Spielfilme sind «Verflixt Verliebt», «Love Made Easy», «Der Sandmann», «Schweizer Helden» und «Flitzer».