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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
... macht den Mund auf

Ich glaube, dass es grundsätzlich wichtig ist, den Mund aufzumachen. Bei der Zahnärztin zum Beispiel. Da wäre es fatal, den Mund nicht zu öffnen, denn dann könnte sie ihren Job nicht machen und allfällige Probleme, die da im Mund schlummern, könnten nicht behoben werden. Karies und Parodontose würden sich ungehemmt ausbreiten, und das wäre sehr schlecht!

Wenn man aber den Mund aufmacht, um etwas zu sagen, ist es wichtig, dass man auch weiss, was man sagt. Es gibt natürlich Ausnahmen: Ein Kind bei­ spielsweise lernt nie sprechen, wenn es nicht erstmal Sachen nachplappert, von denen es keine Ahnung hat. So wie es auch ok ist, dass Pubertierende hin und wieder was in den Raum stellen, ohne zu wissen, was die Konsequenz dessen ist.

Es gibt also Situationen, in denen es sehr wohl Sinn macht zu sprechen, obwohl man keinen Schimmer hat, worum es geht. In vielen anderen Situationen ist das aber nicht der Fall. Diese sprachgesteu­ erten Assistenzcomputer zum Beispiel, die einem zuhören und das Wetter ansa­ gen oder «George Harrison» rufen können, wenn man mal wieder vergessen hat, wie der Dritte von den Beatles hiess. Es wäre sehr ärgerlich, wenn der Com­ puter stattdessen «Pras Michel» rufen würde, das ist der Dritte von den Fugees, und der Computer hätte besser nichts gesagt als vollkommenen Kabis. In einer Demokratie ist das ähnlich, eigentlich sollten alle mitreden – aber erst, wenn sie wissen, wovon sie sprechen. Deshalb dürfen Babys, Kinder und Jugendliche auch noch nicht wählen. Auch Ausländer dürfen nicht wählen, schliesslich haben die auch keine Ahnung.

Ups, da ist der Fehler: Nicht bei einer Sache mitsprechen zu können, ist nicht das gleiche wie nicht zu dürfen. Und so gibt es oft ein tragisches Verhältnis zwischen denen, die den Mund aufma­ chen und es besser nicht tun sollten, und denen, die nicht gehört werden, aber sehr wohl eine qualifizierte Meinung ha­ ben. Mir fallen einige Bereiche ein, bei denen das ebenfalls der Fall ist. In vielen Diskussionen um Political Correctness zum Beispiel. Da äussern sich oft Leute, die sich mit bestimmten Wörtern, deren Bedeutung und Schlagkraft noch nie auseinandergesetzt haben, also eigent­ lich noch gar nicht so viel darüber sagen können. Und treffen dabei auf Leute, für die sexistische Witze, Homophobie, ab­ wertende Begriffe, der Ausschluss durch Sprache etc. schon immer ein Problem waren. Diese wiederum hatten historisch gesehen aber nie eine Plattform, sich dazu zu äussern, durften also nichts sa­ gen. Hätten die ersten ein bisschen geschwiegen, dann wäre für sie zum Bei­ spiel der Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung, der Fakt, dass es schon immer Homosexuelle und auch Transmenschen gab, und dass sich Leute zu Recht nicht gern als N*ger bezeichnen lassen, nichts Neues. Denn wenn man schweigt, kann man zuhören. Oder über eine Sache nachdenken. Und das wäre in vielen Situationen sehr gut. Zu den Themen, über die man lieber erst sprechen sollte, wenn man genau weiss, wovon man redet, gehören Quan­ tenphysik, Migration, Abtreibung, IV­ Bezug, die koloniale Vergangenheit der Schweiz, Transgender und die verges­ senen Mitglieder von populären Bands. Wahrscheinlich ist die Liste noch viel länger, aber was weiss ich schon.