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Die Sozialzahl
Materielle Entbehrung

Armut lässt sich auf verschiedene Arten messen. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS zieht mit ihren Richtlinien eine Grenze, die das soziale Existenzminimum markiert. Wessen Haushaltseinkommen darunter liegt, gehört zu den Armutsbetroffenen in der Schweiz. Das ist mehr als eine halbe Million Menschen.

Internationale Studien stellen einen Vergleich zwischen den Einkommen der Gesamtbevölkerung und den Einkommen der tiefen Schichten her. Das Statistische Amt der Europäischen Union geht davon aus, dass alle Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens erzielen, zumindest als armutsgefährdet bezeichnet werden müssen. Das mittlere Einkommen teilt alle Haushalte in zwei gleich grosse Hälften. Die eine erzielt mehr, die andere weniger als dieses mittlere Einkommen. Für die Schweiz gilt: Deutlich über eine Million Menschen hat weniger als ein mittleres Einkommen. Sie befinden sich nach dem Massstab der EU somit in einer prekären finanziellen Situation.

Ein anderer Ansatz orientiert sich an der materiellen Entbehrung, die mit knappen Mitteln einhergeht. Materielle Entbehrungen schränken die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe und eines selbstbestimmten Lebens ein. Das Bundesamt für Statistik nennt analog zu den anderen europäischen Ländern neun Kategorien, in denen sich zeigt, ob ein Haushalt mit materiellen Entbehrungen leben muss: Ist man in der Lage, innerhalb eines Monats unerwartete Ausgaben in der Höhe von 2500 Franken zu tätigen? Ist man in der Lage, eine Woche Ferien pro Jahr weg von zuhause zu finanzieren? Hat man keine Zahlungsrückstände? Ist man in der Lage, jeden zweiten Tag eine fleisch- oder fischhaltige Mahlzeit (oder vegetarische Entsprechung) einzunehmen? Ist man in der Lage, die Wohnung ausreichend zu heizen? Hat man Zugang zu einer Waschmaschine? Ist man im Besitz eines Farbfernsehers? Eines Computers? Eines Autos? Wer drei dieser neun Kategorien nicht zu erfüllen vermag, gehört zu den Haushalten, die mit materiellen Entbehrungen leben müssen.

4,6 Prozent der Bevölkerung oder rund 370 000 Menschen in der Schweiz befinden sich in dieser Lebenssituation. Überdurchschnittlich häufig sind Familienhaushalte mit kleinen Kindern vertreten. So lebt mehr als ein Fünftel aller Alleinerziehenden, deren jüngstes Kind weniger als drei Jahre alt ist, mit materiellen Entbehrungen.

Fast 9 Prozent der Bevölkerung können sich keine Woche Ferien leisten, mehr als 5 Prozent haben nicht genügend Mittel zum Erwerb eines Autos. Die kritischste Kategorie sind aber die unerwarteten Ausgaben von 2500 Franken in einem Monat. Rund 22 Prozent der Bevölkerung könnten unvorhergesehene Rechnungen in dieser Grössenordnung nicht begleichen. Dabei fallen bestimmte Haushaltstypen besonders auf: 58 Prozent der Alleinerziehenden mit kleinen Kindern haben keine finanziellen Reserven, bei Familien mit drei und mehr Kindern sind es rund 28 Prozent. Aber auch alleinlebende Erwachsene unter 65 Jahren gehören mit 27 Prozent zu jenen, die besonders häufig ohne Gespartes leben müssen.

Was kann das konkret bedeuten? Solche Haushalte können zum Beispiel bei der Krankenversicherung keine hohe Franchise abschliessen und sich kaum bei Krankenkassen versichern, die erst zu zahlen beginnen, wenn diese Franchise aufgebraucht ist. In dieser Situation wird dann jede Arztrechnung, jede unerwartete Behandlung bei einem Zahnarzt, aber auch jede nicht vorgesehene Reparatur des Autos zum Drama. Dass diese Haushalte besonders häufig auch Zahlungsrückstände haben, kann darum nicht erstaunen.

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