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Die Sozialzahl
Meine Rente, deine Rente

Die soziale Ungleichheit ist bei den Pensionierten besonders gross. Die ärmsten 20 Prozent der Rentnerpaarhaushalte – Fachleute sprechen vom untersten Quintil oder Fünftel – müssen mit knapp 4000 Franken im Monat durchkommen. Den einkommensstärksten 20 Prozent der Rentnerhaushalte hingegen stehen rund 16 000 Franken zur Verfügung. Diese Alterseinkommen werden aus fünf Quellen gespeist: Die AHV, die berufliche Vorsorge, weitere Sozialleistungen (Ergänzungsleistungen, Hilflosenentschädigung etc.), Einkommen aus Vermögen und Vermietung (zu denen etwa die 3. Säule gerechnet wird) sowie Erwerbseinkommen tragen zusammen zur Finanzierung des Lebens im Alter bei. Politisch besonders brisant ist die unterschiedliche Bedeutung dieser Quellen, wenn man die verschiedenen Einkommensklassen betrachtet.

Bei den ärmsten Rentnerpaarhaushalten dominiert die AHV. Sie macht rund 80 Prozent ihres gesamten Renteneinkommens aus. Beim mittleren Quintil beträgt dieser Anteil knapp die Hälfte, beim reichsten Fünftel noch 20 Prozent. Anders sieht es bei der beruflichen Vorsorge aus. Diese ist vor allem für die besser gestellten Rentnerpaarhaushalte (Quintile 3 und 4) von grosser Bedeutung. Bei den reichen Rentnerpaarhaushalten spielt hingegen vor allem das Einkommen aus Erwerbsarbeit, Vermögen und Vermietung die entscheidende Rolle. Diese Quellen, die mit dem Rentensystem nichts gemein haben, machen hier praktisch die Hälfte des Haushaltseinkommens im Alter aus. Das alles spiegelt die Erwerbsbiografie wider: Wer früher wenig verdiente, unter Umständen längere Zeit nicht erwerbstätig war und später noch erwerbslos wurde, hat ein deutlich tieferes Renteneinkommen als jene, deren Erwerbsbiografie einen bruchlosen und stetig steigenden Lohnanstieg verzeichnete. Noch immer haben vor allem Frauen Erwerbsbiografien, die zu tiefen Renten führen. So kommt es, dass ihre Renteneinkommen im Durchschnitt pro Jahr um 20 000 Franken tiefer ausfallen als jene der Männer.

Die unterschiedliche Bedeutung der verschiedenen Einkommensquellen im Alter ist von grosser politischer Bedeutung. Mit der knappstmöglichen Mehrheit von einer Stimme verabschiedete das Parlament in der letzten Session die Reform der Altersvorsorge. Die Reform, die von Bundesrat Alain Berset als «Altersvorsorge 2020» bezeichnet wurde, sichert vorerst die Renten bis zum Jahr 2030. Dafür ist eine grosse Zahl von Anpassungen nötig. So soll das Rentenalter der Frauen auf 65 angehoben werden, die monatlichen Renten im obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge um 0,8 Prozentpunkte gesenkt und die Mehrwertsteuer um 0,6 Prozentpunkte erhöht werden. Der letzte Streitpunkt war die Anhebung der Minimalrente in der AHV um 70 Franken pro Monat. Auch dieser Punkt ist Teil des Gesamtpakets, über das die Bevölkerung abstimmen wird.

Wie die Stimmberechtigten diese Vorlage beurteilen werden, wird vor allem von drei sozioökonomischen Merkmalen abhängen: dem Einkommen, dem Geschlecht und dem Alter. Wer bald in Rente geht, weiss, was ihn und sie erwartet und wird entsprechend abstimmen. Dabei werden für die einen die 70 Franken mehr in der AHV ungleich wichtiger sein als die tieferen Renten in der beruflichen Vorsorge. Für andere hingegen werden die Einschnitte in der zweiten Säule besonders schmerzen, während wieder andere das Projekt «Altersvorsorge 2020» nur insofern tangiert, als sie mit ihren hohen Einkommen die Reform in besonderer Weise mitfinanzieren müssen.

Die Hälfte jener, die regelmässig an Abstimmungen teilnehmen, ist bereits über 55 Jahre alt. Wird die ältere Stimmbürgerschaft auf Kosten der Jungen über die Vorlage entscheiden? «Es allen Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann», glaubt der Volksmund zu wissen. Ob dies dem Parlament dennoch gelungen ist, wird sich bald weisen.

Prof. Dr. Carlo Knöpfel ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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