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Strassenverkäufer*innen
«Mir ist es wichtig, selbständig zu bleiben»

Jasmina Murina, 50, verkauft Surprise beim Coop am Kreuzplatz in Zürich und möchte wieder ein normales Leben führen.

«Es fällt mir nicht einfach, über meine jetzige Lebenssituation zu sprechen. Ich habe lange versucht, so zu tun, als wäre alles normal. Aber ich merke immer mehr, wie mich das kaputt macht. Dabei habe ich in meinem Leben schon einiges durchgemacht. Als 30­-Jährige kam ich mit meinen fünf Kindern in die Schweiz, nachdem mein Mann im Krieg in Serbien gefallen war. Als alleinerziehende Mutter in einem fremden Land, ohne Ausbildung und Deutschkenntnisse – das war nicht einfach. Unterdessen bin ich seit zwanzig Jahren hier, hatte mein Leben im Griff. Ich habe immer gearbeitet, meine Kinder konnten eine gute Ausbildung machen. Und jetzt wohne ich von einem Tag auf den anderen in einem Hotel und lande vielleicht schon bald auf der Strasse.

Meinen festen Job bei einem grossen Gastrobetrieb verlor ich schon vor einiger Zeit. Meine erste Chefin war immer gut zu mir. Als ein neuer Chef eingestellt wurde, sagte er zu mir, dass meine Arbeit sehr geschätzt werde und ich die Stunden einer Arbeitskollegin übernehmen ‹dürfe›, der gekündigt wurde – zusätzlich zum meinem 100%­-Pensum und zum gleichen Lohn. Ein solches ‹Angebot› hat sich für mich nicht richtig angefühlt, das habe ich ihm auch gesagt. Daraufhin erhielt ich die Kündigung.

So begann ich vor Kurzem wieder mit dem Verkauf von Surprise­-Heften. Diese Arbeit habe ich ganz zu Beginn meiner Zeit in der Schweiz gemacht, als ich noch kaum Deutsch sprach. Finanziell kann ich mich so über Wasser halten. Lange durfte ich bei einer Freundin ein Zimmer mieten. Nun ist sie schwanger und braucht den Platz für ihre Familie. Für eine eigene Wohnung reicht mein Einkommen nicht. Spätestens wenn ich meinen F­-Ausweis vorweise, kommt die Absage. Und ohne Wohnung ist es umso schwerer, eine neue Stelle zu finden. Ich habe Angst, dass ich aus diesem Teufelskreis nicht mehr herausfinde.

Jetzt bereue ich umso mehr, dass ich mich die letzten Jahre zu wenig auf meine Ausbildung konzentriert habe. Für mich stand die Betreuung meiner Kinder immer an erster Stelle. In Serbien war es normal, dass Frauen zuhause bleiben und der Mann für das Einkommen sorgt. Die Schule habe ich nur bis zur vierten Klasse besucht. Diese Voraussetzungen erschweren es mir, jetzt nochmals richtig Deutsch zu lernen. Ich spreche und verstehe deutsch ohne Probleme, das Schreiben in Schriftsprache aber fällt mir schwer. Leider wird das vorgeschriebene Sprachniveau, welches für einen B­-Ausweis benötigt wird, an den schriftlichen Deutschkenntnissen gemessen. Ich habe mich immer gut integriert gefühlt, daher bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass mir mein offizieller Aufenthaltsstatus oder fehlende Deutschkenntnisse zum Verhängnis werden.

Dafür habe ich ein grosses Netzwerk von Menschen, die mir helfen. Zum Beispiel merken die meisten meiner Kunden, wenn es mir nicht gut geht. Ich bin durch den ganzen Stress gesundheitlich angeschlagen. Das Schlimmste ist der psychische Druck und die Angst, alles zu verlieren. Bisher habe ich nur wenigen von meiner Situation erzählt. Es fühlt sich komisch an, plötzlich so abhängig zu sein. Eine Kundin hat mehrmals angeboten, dass ich im Notfall auch bei ihr unterkommen kann. Auch meine ehemalige Vermieterin würde mich für einige Nächte aufnehmen. Das schätze ich sehr. Mir ist es jedoch wichtig, selbständig zu bleiben. Ich wünsche mir einfach ein normales Leben, mit einer festen Wohnung und einer fixen Arbeit.»