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Illustration: Rahel Nicole Eisenring
Moumouni
...zur Nettheit

Fatima Moumouni hat sich noch nicht entschieden, ob sie lieber gegen Rechte zurückmobben will oder doch eher mit viel Geduld für den gesellschaftlichen Zusammenhalt arbeitet.

Ich bin immer wieder fasziniert von der Kreativität rechter Meinungsmacher*innen und frage mich, wo man sich ein Scheibchen abschneiden könnte.

Manchmal wünsche ich mir zum Beispiel, ich hätte den Begriff Feminazi erfunden. Eine brillante Wortschöpfung, witzig, schnittig, sexy – sofern man der Meinung ist, dass es rassistisch und faschistoid sei, sich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen.

Die Frage ist, wie Begriffe so zu etablieren, dass sie einen Weg in den normalen Sprachgebrauch finden und jede*r selbstverständlich weiss, was sie bedeuten. Wie zum Beispiel der grusige Begriff der Political Correctness. Man kann linken Bewegungen einiges an staksiger Sprache vorwerfen – aber diese Wortschöpfung kommt von der anderen Seite! Political Correctness ist ein ursprünglich polemischer Begriff für nicht-diskriminierende Sprache, und doch – zack! – hat er sich etabliert. Als hätte je irgendjemand gefordert, ein Büro für Stock-im-Arschigkeit zu eröffnen.  

P o l i t i s c h   k o r r e k t ! Was heisst das überhaupt? Ich will keine Korrektheit: Ich will Reflexion und Verantwortungsbewusstsein über Sprechhandlungen, die gesellschaftliche Defizite manifestieren. Ich frage mich ja, warum die Person, die diesen Begriff erfunden hat, hier nicht gleich auf «politisch nett» gekommen ist, um die «empfindlichen Linken» noch ein bisschen mehr zu «ärgern» - wie es gern genannt wird in Debatten, in denen um Begriffe gestritten wird, die teilweise Jahrhunderte alte Missstände widerspiegeln und deshalb hinterfragt werden. 

Die Empfindlichkeit der Linken, die alle «keine echten Probleme mehr» haben: Snowflakes! Noch so ein tolles Wort. Gemeint ist die junge Generation von Linken, die angeblich so empfindlich ist, dass sie bei der kleinsten Berührung schmilzt – und jede*r einzelne von ihnen ist individuell! 

Haha! 

Aber mal im Ernst: Was ist denn die «Empfindlichkeit» der Gegner*innen für ein politisches Argument in einer Gesellschaft, die sich ja hoffentlich vom Sozialdarwinismus distanziert? Ist es nicht auch eine Errungenschaft, sich miteinander über Sprache auseinandersetzen zu können? Oder darf man sich nur beschweren, wenn an der Daumenschraube gedreht wird?

Letztendlich geht es doch darum, über Sprache Sensibilisierung und gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Aber genau da sehe ich noch Handlungsbedarf: Wenn queerfeministische Bewegungen beispielsweise das Gendersternchen etablieren wollen, und die halbe Welt nicht begreift, wer damit gemeint ist und warum der Stern demokratisch sinnvoll ist, aber alle verstanden haben, was der Begriff «Genderwahn» heissen soll, dann ist doch was schief gegangen!

Deshalb muss man wohl ebenfalls zu Polemik greifen. Dann wird der unsäglichen «Cancel Culture» der «alte weisse Mann» gegenübergestellt. Das ist zwar auch eine grobe Vereinfachung, aber wenigstens gibt es irgendeine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Cis-hetero-Patriarchat und rassistischen Strukturen!

In Wahrheit geht es doch um politische Macht, und dass es jetzt wohl auch Rechten und Konservativen an den Kragen geht - sodass «man heutzutage nichts mehr sagen darf»! Zu empfindlich für Kritik? Grow up! Wer wird denn gleich zu Holocaustvergleichen greifen? 

Vielleicht ist ja das geschichts-analphabetische Gejammer àla: «Cancel Culture, die Hexenjagd 21.Jahrhunderts» und «Sprachpolizei, schlimmer als die Stasi» auch nur eines: Ein verzweifelter Ruf nach politischer Nettheit. Jetzt plötzlich!