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Nostalgie

Nun ist aller Weihnachtsschmuck und alle Weihnachtsstimmung wieder verschwunden. Schade eigentlich, denn ich mag dieses Fest. Weihnachten war immer einer der besten Feiertage meiner Kindheit, weil wir zweimal schulfrei hatten. Einmal am 25. Dezember: Dieses Weihnachten nennen wir in meiner Muttersprache Tigrinia «Lidet Tilyan», was übersetzt «Weihnachten der Italiener» bedeutet. Und das andere Mal am 7. Januar, wenn auch viele andere christlich-orthodoxe Länder Weihnachten feiern. Denn Eritrea ist eines der Länder, in dem zwei Kalender verwendet werden. Den einen nennt man Geez-Kalender, er ist eine Variante des koptischen Kalenders und hinkt der Jahreszählung des anderen gregorianischen Kalenders sieben Jahre und etwa acht Monate hinterher–obwohl der gregorianische später erfunden wurde. Der gregorianische Kalender kam mit den italienischen Kolonisatoren nach Eritrea. Und obwohl wir «Lidet Tilyan» zuhause nicht feiern, waren wir froh um den zusätzlichen freien Tag. Wir putzten das Haus, wuschen die Wäsche, mahlten Getreide und legten den Schmuck für den Tannenbaum bereit. Meine Geschwister und ich schufen Figuren aus Lehm – Engel, Jesus oder die heilige Maria –, bastelten Weihnachtsschmuck aus Süssigkeiten und farbigem Papier, und meine Mutter pflanzte frisches Gras als Willkommensgeschenk für den heiligen Jesus in eine kleine Schüssel.

In meiner Grundschule feierten wir am 6. Januar. Dort schauten wir Theater und sangen geistliche Lieder, und vor allem kam der Weihnachtsmann. Mit grosser Vorfreude warteten meine Klassenkameraden und ich darauf. Sobald wir ihn sahen, schrien wir vor Freude, andere hatten Angst, rannten fort und weinten. Der Weihnachtsmann hielt eine Rede über die Bedeutung der Geburt Jesu Christi, lobte jene Klassen, die das letzte Jahr in der Schule besonders gut mitgemacht hatten und kritisierte die anderen. Danach übergab er die lang erwarteten Weihnachtsgeschenke an unsere Klassenlehrer.

Nach der Schulfeier traf ich mich mit meinem Bruder, der schon auf mich wartete. Zusammen gingen wir Zweige vom Zedernbaum sammeln, mit denen wir später unseren Weihnachtsbaum bauen würden. Dekoriert wurde mit dem, was wir am «italienischen Weihnachten» gebastelt hatten: Kekse, Bonbons, Postkarten. Das Gras und die Lehmengel stellten wir drum herum. Um Mitternacht dann ging die ganze Familie in bester Kleidung in die Kirche. Am nächsten Tag feierten wir zuhause und überbrachten Glückwünsche an Verwandte und Nachbarn.

Erstmals verbrachte ich Weihnachten 2012 ausserhalb meiner Heimat. Schnell stellte ich fest, dass für mich der zentrale Wert solcher Feiertage nicht etwa im Materiellen liegt, sondern in der Tatsache, meine Familie um mich zu haben. Gleichzeitig lebte ich nun in einem Land, in dem es so viel bunte Deko gab, wie ich sie mir als Kind immer gewünscht hatte und wie ich sie bisher nur von Postkarten oder Filmen kannte. Nun wusste ich nicht, was mit dem Tag anfangen: Ich fand es nostalgisch, allein zu feiern. Trotzdem beschloss ich, irgendwas zu machen, auch, um meiner Familie daheim zu zeigen, dass alles in Ordnung sei. Also kaufte ich eine Telefonkarte, mit der ich meine ganze Familie anrufen und ihr gratulieren würde, und ich plante in die Kirche zu gehen, um dort mit meinem Bruder und einigen Freunden zu feiern. Als ich am 6. Januar in die Stadt ging, um für das abendliche Essen einzukaufen und die Weihnachtsdekoration zu geniessen, sah ich Leute mit Baumaschinen die grossen Tannenbäume und Leuchtdekorationen abräumen. Und obwohl ich mich in den Wochen zuvor eigentlich schon sattgesehen hatte, war ich doch enttäuscht und fragte mich, ob man hier denn gar nicht wusste, dass wir erst am nächsten Tag feiern. Einen Tag hätten sie schon noch warten können.