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Challenge League
Nur knapp entkommen

Ich habe mich nach zwei Jahren Studium in Zürich entschieden, von Neuhausen am Rheinfall nach Zürich umzuziehen. Den Kanton zu wechseln, bedeutet für uns Flüchtlinge viel Bürokratie. Das erste Mal wurde mein Antrag vom Kanton Zürich abgelehnt, weil ich nur einen F-Ausweis für vorläufig Aufgenommene besass. Das war im Herbst 2017. Im Januar darauf bekam ich den B-Ausweis und reichte so schnell wie möglich Rekurs ein. Innerhalb einer Woche erhielt ich einen positiven Bescheid. Einzige Bedingung: Ich brauchte einen Mietvertrag, um nach Zürich ziehen zu können.

Von Januar bis April suchte ich eine geeignete Wohnung. Zwar hatte ich fast jeden Tag einen Besichtigungstermin, bekommen aber habe ich nichts. Als mein Blick einmal auf meinen Namen auf einem Briefumschlag fiel, ging mir durch den Kopf, dass ich einem Mann mit diesem Namen wohl auch keine Wohnung geben würde, wenn ich Schweizer wäre. Ich war schon völlig entmutigt, als ich Mitte April eine E-Mail bekam. Jemand schrieb mir, dass ich eine Wohnung zur Untermiete besichtigen könnte. Ich ging noch am selben Tag vorbei. Es war eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung. Der Hauptmieter hatte bereits zugesagt, aber noch keinen Vertrag aufgesetzt. Wir trafen uns einen Tag später und unterzeichneten.

Zwei Wochen später zog ich ein. Ich fand die Wohnung leer vor, der Hauptmieter war nicht da. Mithilfe eines Freundes richtete ich mich ein. Am Abend rief mich der Hauptmieter an: «Ich will den Schlüssel zurück. Verlass so schnell wie möglich das Haus.» Ich habe gelacht und aufgelegt. Am nächsten Morgen läutete und klopfte es an der Tür. Es war der Hauptmieter. Er sagte, dass ich sofort aus der Wohnung raus müsse, weil die Verwaltung die Wohnung zurückhaben wolle. Ich war schockiert: «Soll ich auf der Strasse schlafen?» Da wurde der Hauptmieter aggressiv und wollte mir den Schlüssel wegnehmen, der auf dem Tisch lag. Ich schnappte ihn mir schnell und sagte: «Ich gebe den Schlüssel niemandem. Versuche, eine Lösung zu finden.» Da jammerte er, dass er auch nur ein Opfer der Verwaltung sei.

Ich rief die Verwaltung an. Dort sagte man mir, dass er von Januar bis April keine Miete bezahlt hatte, weshalb die Verwaltung ihm nun gekündigt habe. Nun sollte auch ich rausgeworfen werden. Ich schrie: «Nein, ich gehe nicht raus. Dann muss ich auf der Strasse schlafen.»

Sie sprachen von Polizei, aber ich konnte nicht mehr wirklich zuhören. Ich war sehr verunsichert und ging hinaus auf die Strasse. Ich kaufte mir ein Bier an der Langstrasse. Das reichte nicht. Ich kaufte noch zwei. Das genügte immer noch nicht. In der Nacht trank ich mehr als zehn Bier. Ich war so schlimm besoffen, dass ich mich in meinen Schuhen und Kleidern ins Bett legte. Am nächsten Tag stritt ich mit der Verwaltung am Telefon, aber sie blieb stur. Am Abend trank ich noch mehr als am Tag zuvor. Eine Woche lang ging das so. Ich konnte mich nur mit Alkohol beruhigen, da ich fürchtete, jede Minute auf der Strasse zu landen.

Dann sprach ich mit der Asylorganisation Zürich AOZ. Diese vereinbarten mit der Verwaltung, dass ich bleiben dürfe, wenn sie noch weitere Flüchtlinge dort unter- bringen könnten. Jetzt sollte ich Leute finden, die mit mir wohnen wollten. Ich fand auch jemanden. Doch nun war die AOZ am Drücker, und sie wollte gleich mehrere Personen in der Wohnung unterbringen. Es dauerte eine Woche, bis ich mit der AOZ eine Einigung fand. Abends habe ich mich immer noch betrunken. Wenn ich nun auf der Strasse die Obdachlosen mit ihrem Bier sehe, frage ich mich: «Haben sie solche Geschichten hinter sich ich?» Ich bin sicher, viele könnten ähnliche Geschichten erzählen. Dass sie von der Gesellschaft einfach ausgespuckt wurden. Es kann so schnell gehen.