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Wohnen
Obdachlos in Amsterdam

Die Zahl Obdachloser in den Niederlanden hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Das Land befindet sich inmitten der schwersten Wohnungskrise seit Jahrzehnten. Davon betroffen sind auch internationale Studierende.

Er habe die Obdachlosigkeit freiwillig gewählt, sagt Jacques, der aus der Bretagne kommt. Seit knapp zwanzig Jahren lebe er in Amsterdam und schlafe momentan in einem Zelt in einem Wald im Süden der Stadt, erzählt der 42-Jährige mit dem langen grauen Bart und den zotteligen Haaren. Wenn man nichts habe, entwickle sich eine spezielle Verbindung mit der eigenen Umgebung, sagt Jacques.

Schon als Kind sei er die ganze Zeit in der Natur gewesen und auch danach habe er immer eins mit der Natur sein wollen: «Ich möchte nicht mich und meine Wünsche über alles stellen, sondern versuche ganzheitlich zu denken.» Selbst die Schwierigkeiten, denen er im Alltag begegnet, versucht er nicht als solche zu sehen, sondern optimistisch und positiv zu bleiben. «Wenn ich mich die ganze Zeit über meine Situation beschwere, werde ich niemals froh. Dabei macht mich ja gerade meine Lebensart glücklich.»

Seit 22 Jahren kommt Jacques jeden Tag ins Makomhaus, eines der neun Walk-in-Zentren der Hilfsorganisation de Regenboog in Amsterdam. Er sei sowas wie der älteste Besucher der Einrichtung, sagt Jacques. Für ihn ist das Leben mit den anderen Besucher*innen wie in einer Familie. «Die Verbindung, die wir hier untereinander haben, ist sehr stark. Wir teilen unsere Träume, unsere Probleme, unser Leben.»

De Regenboog ist eine der grössten Hilfsorganisationen in Amsterdam, die sich der Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit annimmt. In den 1970er-Jahren von einem Pastor gegründet, der gegen Spritzentausch und Heroinabhängigkeit in einem Stadtpark vorgehen wollte, engagieren sich bei de Regenboog mittlerweile über 1200 Freiwillige. Das Spezielle an ihrer Arbeit: Sie verlangen, anders als beispielsweise die Heilsarmee, keinen Identitätsnachweis. So sind auch diejenigen willkommen, die sonst häufig unter dem Radar fliegen. Denn es geht de Regenboog um mehr: Ein Teil der Organisation beschäftigt sich mit Menschen, die sich einsam fühlen, und bietet ihnen einen «Maatje», einen Kumpel zum Reden. Ein anderer Teil beschäftigt sich mit den Opfern von Menschenhandel, der unter anderem in Amsterdam in Form von Prostitution weit verbreitet ist, und bietet ihnen unkomplizierten und schnellen psychologischen und lebenspraktischen Beistand.

Mittlerweile wird de Regenboog von der Stadt finanziell zwar mit mehreren Millionen Euro jährlich unterstützt, dennoch wären Organisationen wie sie als Erste von Haushaltskürzungen betroffen, wie Kathleen Denkers, Fundraiserin von de Regenboog, erklärt. Auch deshalb wolle de Regenboog nun ein Prozent aller Hotelzimmer in Amsterdam für die Nutzung durch Wohnungslose gewinnen, sagt sie. «Die meisten Hotels in Amsterdam haben Zimmer, die wegen der Aussicht oder der Architektur für Tourist*innen nicht schick genug sind und deshalb ständig leer stehen. Diese sollten für Obdachlose zur Verfügung gestellt werden.»

Ein sicherer Hafen

Denkers leitet ausserdem das Makomhaus. Makom – das Wort wird abgeleitet vom jiddischen Mokum («sicherer Hafen») und ist ein Übername für Amsterdam – stellt für bis zu 120 Leute täglich warme Mahlzeiten, Laptops, einen Raum zum Malen, Musizieren und Reden zur Verfügung. Im Winter bietet das Makomhaus ausserdem Notschlafstätten an. Viele Menschen, die hier sind, kommen jeden Tag. «Das Wichtigste an unserer Arbeit ist, dass wir unsere Besucher*innen mit ihrem Namen ansprechen. Dadurch fühlen sie sich ernstgenommen», erklärt Denkers, die vor ihrer Arbeit in der Obdachlosenhilfe als Fundraiserin für verschiedene Firmen um die Welt reiste. Sie habe während ihrer Karriere in der Firmenwelt die Wichtigkeit der Arbeit mit Obdachlosen erkannt.

Auch der 55-jährige Ronald kommt mehrfach wöchentlich in das Makomhaus. Seit vierzig Jahren lebt er in Amsterdam, seit dreissig Jahren ist er immer mal wieder obdachlos. Als Kind wurde Ronald von seinen Eltern misshandelt: Er musste manchmal in einer Ecke im Innenhof schlafen, sollte im Alter von vier Jahren Einkäufe für die Familie erledigen, durfte bis er sechs Jahre alt war nicht mit anderen Kindern spielen – und wenn er es doch tat, wurde er für mehrere Wochen auf dem Dachboden eingesperrt. Später kam Ronald in ein Heim nach dem anderen, brach aber aus allen wieder aus. Nach einigen Jugendgefängnisaufenthalten fing er an, Häuser zu besetzen und sich politisch zu engagieren. Bis ein heroinabhängiger Freund mit ihm am helllichten Tag ein Haus im Norden Amsterdams besetzte. Als die Polizei das Haus umstellte, stürzte er sich vor Ronalds Augen aus dem Fenster und in den Tod.

Dieses einschneidende Ereignis brachte Ronald nach einiger Trauerzeit dazu, es doch nochmal zu probieren. Er fing an zu arbeiten: zunächst auf dem Bau, dann als Koch und Bäcker, als Matrose und schliesslich als Kapitän auf dem Rhein zwischen Basel und Rotterdam und Antwerpen und Berlin. Aufgrund seiner Kindheit hatte er jedoch Schwierigkeiten mit Autoritäten, dass er jeden dieser Jobs nach einigen Monaten oder Jahren wieder aufgab. Nun ist er seit zehn Jahren wieder auf der Strasse. Er erhalte zwar Geld von der Sozialhilfe, jedoch reiche es nur für ein Leben ohne Wohnung, sagt Ronald. Mittlerweile habe er seinen Schlafplatz unter einer der wenigen Brücken Amsterdams gefunden, wo es trocken genug ist. «Es gibt nichts Gutes im Leben als Obdachloser», sagt Ronald. Ständig sei er konfrontiert mit den Problemen anderer Leute, sodass es ihm mittlerweile schwerfalle, Freund*innen zu finden, ohne sie gleich wieder zu verlieren: «Ich habe schon so viele in den Drogentod gehen sehen.»

Der kräftig gebaute Mann mit dem gepflegten Stoppelbart spricht zwar reflektiert, aber immer noch mit grosser Verbitterung über seine Vergangenheit und die Kindheit, die ihm gestohlen wurde. Bis vor ein paar Jahren sei er oft aggressiv gewesen und konnte nicht mit Komplimenten umgehen. Dann fing er an, Musik zu machen. Jetzt besitzt er drei elektrische Gitarren und hat sich letzten Sommer einen neuen Verstärker gekauft. Vor ein paar Monaten sei mal jemand aus dem Konservatorium im Makomhaus gewesen, er habe ihm Komplimente gemacht für sein Gitarrenspiel und ihn eingeladen, mit ihm zusammenzuspielen. «Das war das erste Kompliment, das ich annehmen konnte», sagt Ronald.

Studium ohne Bleibe

Unabhängig von Ronald und Jacques, die beide seit langer Zeit ohne Wohnung sind, und anderen «klassischen» Obdachlosen, deren Zahl sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, tritt nun eine neue, gefährdete Gruppe auf den Plan. Studierende aus anderen Ländern sind von der aktuellen Wohnungskrise betroffen und hatten gerade im letzten Sommer grosse Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden.

Im Hinblick auf den Brexit haben niederländische Universitäten seit Jahren ihre Programme mehr und mehr internationalisiert, sodass nun die Niederlande die meisten englischsprachigen Bachelorabschlüsse in der Europäischen Union anbieten. Aufgrund des knappen Wohnungsmarkts in den Niederlanden finden viele internationale Studierende keine Wohnung mehr. Ein trauriger Höhepunkt wurde diesen Sommer erreicht: Fast 300 Studierende in Amsterdam und 600 in Groningen waren bei Studienbeginn im September letzten Jahres ohne Wohnung. So wie zum Beispiel Ruta aus Riga, die in Amsterdam Recht studiert. Als sie vorigen August umzog, wurde das ihr versprochene Zimmer vom Vermieter nicht mehr zur Verfügung gestellt, sie stand plötzlich ohne Wohnung da. Was folgte, war eine Odyssee durch verschiedene Hostels und Hotels: mal in einem Zimmer zusammen mit zehn älteren Männern, dann in einem Hostel, wo ihr Frühstück gestohlen wurde. Als im Oktober das Amsterdam Dance Event, eines der grössten Festivals für elektronische Musik in Europa, stattfand, war ihr Zimmer bereits von anderen Monate im Voraus gebucht. Fast wurde sie endgültig obdachlos, doch dann legten ein paar Freundinnen und sie zusammen und bezahlten eine Übernachtung in einem Viersternehotel.

Die ganze Zeit über suchte Ruta mehrere Stunden täglich nach einer Wohnung, sie war Mitglied in fünf verschiedenen Facebookund WhatsApp-Gruppen mit anderen Wohnungsuchenden. Anfang November kam endlich ein Angebot, in ein Zimmer in Almere zu ziehen, einer kleinen Stadt nördlich von Amsterdam. Schon wenig später zeigte sich aber, dass der wesentlich ältere Vermieter der Wohnung noch andere Motive hatte: Er wollte ständig wissen, was Ruta und ihre Mitbewohnerin so machten, und wenn sie waschen oder kochen wollten, mussten sie an seinem Bett vorbei, auf dem er die meiste Zeit des Tages ohne Oberteil rumlag. Als er einmal mitten in der Nacht an das Zimmer ihrer Mitbewohnerin klopfte und fragte, ob sie nicht mit ihm «reden wolle», war Ruta klar, dass sie dort nicht mehr bleiben konnte. Die beiden organisierten sich eine Übernachtung in einem Hotel.

Anfang Dezember letzten Jahres hat Ruta ihre Suche nach einer Unterkunft fürs Erste aufgegeben; sie zieht bis Januar zu einem Verwandten nach Katwijk, eine knappe Stunde von Amsterdam entfernt. Nach der Weihnachtspause will sie so lange wie möglich in Lettland bleiben. Sie wird nur zurückkommen, wenn Präsenzunterricht wieder verpflichtend wird. «Natürlich beeinträchtigt das alles mein Studium», sagt Ruta. «Ich habe es kaum geschafft, die Seminare und Vorlesungen vorzubereiten.» Vor allem aber sei es frustrierend: «Ich sollte doch eigentlich gerade die beste Zeit meines Lebens haben. Stattdessen muss ich immer darüber nachdenken, wo ich nächste Woche schlafen kann.»

Seit einiger Zeit hat eine Wohnungskrise die Niederlande fest im Griff. Alle Zahlen verweisen seit Jahren auf eine sich immer weiter verschärfende Krise, die mittlerweile alle Landesteile erreicht hat, auch kleine Städte wie Maastricht. Schätzungen zufolge mangelt es im ganzen Land an mindestens 300 000 Wohnungen. Laut der unabhängigen Non-Profit-Organisation Nibud, die in Haushaltsfragen berät, bezahlen rund 800 000 Menschen zu viel Miete im Verhältnis zu ihrem Einkommen, und 900 000 junge Leute im Alter von 20 bis 35 Jahren sind gezwungen, bei ihren Eltern zu wohnen – in einem Land mit knapp 17 Millionen Einwohner*innen.

Gerade die Regierung der rechtsliberalen VVD unter Premierminister Mark Rutte gab in den letzten zehn Jahren einen Grossteil des sozialen Wohnraums dem freien Markt und internationalen Investor*innen preis. Ausserdem gewährte sie Hausbesitzer*innen und -käufer*innen überproportionale finanzielle Zuschüsse. Damit befeuerte die VVD eine bereits zuvor existierende Entwicklung: Während zum Beispiel in der Schweiz der Kauf eines Hauses oder einer Wohnung für die meisten Normalverdiener*innen immer mehr zum unerfüllbaren Traum wird, ist in den Niederlanden in besserverdienenden Kreisen das Wohnen zur Miete kaum verbreitet.

Das liegt vor allem daran, dass der Hypothekenzinsabzug dort extrem hoch ist. Knapp 43 Prozent der Zinsen auf eine Hypothek können von der Steuer abgesetzt werden – auch etwas, was nur Hauseigentümer*innen zugutekommt

Wohnungsnot als höchste Priorität

Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass in den Niederlanden die Menschen seit Monaten auf die Strasse gehen: Die Protestaktion Woonopstand – auf deutsch «Wohnaufstand» – , die bereits in Rotterdam, Utrecht und Amsterdam Demonstrationen durchführte, fordert, dass die Bekämpfung der Wohnungsnot höchste Priorität erhält, dass mindestens vier Milliarden Euro jährlich in bezahlbaren Wohnraum investiert werden und dass der Hypothekenzinsabzug deutlich gesenkt wird, um die Ungleichheit zwischen Eigentümer*innen und Mieter*innen zu reduzieren. Auch die Zahl Wohnungsloser hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt, auf mindestens 40 000 landesweit.

Housing-First-Programme, die darauf abzielen, obdachlosen Menschen so schnell wie möglich und ohne bürokratische Hürden eine eigene Wohnung zur Verfügung zu stellen, gibt es in den Niederlanden in begrenzter Zahl seit einigen Jahren; so wurde etwa 2020 die tausendste Housing-First-Wohnung eingeweiht.

Zur Eindämmung der steigenden Wohnungslosigkeit ist dies jedoch nur bedingt hilfreich. Denn die Öffentlichkeit nimmt diese Schicksale bisher kaum wahr. Es ist bezeichnend, dass auch der Woonopstand bis jetzt nur für die durch die Krise wohnungslos gewordenen Menschen streitet. Ebenso lässt die Reaktion der Politik auf sich warten. In dem im Dezember 2021 verabschiedeten Koalitionsvertrag wird versprochen, jährlich mindestens 100 000 Wohnungen zu bauen, wovon zwei Drittel bezahlbar sein müssen; zudem soll die Anzahl international Studierender kontrolliert und ein eigenes Wohnungsministerium eingerichtet werden. Von weiteren Konzepten zur Eindämmung akuter Wohnungslosigkeit, wie Housing First, ist jedoch keine Rede. So bleibt es dabei, dass Obdachund Wohnungslosigkeit erst dann zum Politikum, wenn die Mittelklasse betroffen ist.