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Die Sozialzahl
Offene Lohnschere

Können Sie sich an die Lohninitiative der Juso erinnern? Sie forderte, dass das Verhältnis zwischen dem tiefsten und dem höchsten Erwerbseinkommen in einem Unternehmen nicht mehr als 1:12 betragen sollte. Das Topmanagement hätte im Monat also nicht mehr verdienen dürfen als die untersten Angestellten in einem Jahr. Damit wollte man ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit herstellen. Der Vorschlag wurde an der Urne mit 65 Prozent Nein-Anteil deutlich abgelehnt. Die Abstimmung ist bereits fünf Jahre her. 

Die aktuelle Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik erlaubt es, die Lohnverhältnisse in den verschiedenen Wirtschaftszweigen erneut zu beleuchten. Sie gibt die Bruttolöhne in Medianwerten wieder. So verdient zum Beispiel in der Bauwirtschaft die Hälfte der Angestellten ohne Führungsaufgaben im Monat weniger als 5849 Franken, die andere Hälfte mehr als dieser sogenannte Zentralwert. 

Topverdienste können bei der Pharma und in der Chemie, aber auch bei den Banken und in der öffentlichen Verwaltung erzielt werden. Hier liegen die Medianwerte beim mittleren und oberen Kader zwischen rund 17 000 und 11 000 Franken im Monat. Bescheidener geht es im Detailhandel, in der Hotellerie und im Gastgewerbe zu und her. Hier verdient das mittlere und obere Kader kaum die Hälfte des Lohns ihrer Kolleginnen und Kollegen aus den Branchen an der Spitze der Lohnskala. 

Von besonderem Interesse ist die Lohnschere zwischen Personen, die keine Kaderfunktion in einem Unternehmen wahrnehmen, und jenen, die zum mittleren und oberen Kader gehören. Bei den Banken beträgt das Verhältnis 1 zu 2,33; mit anderen Worten: Das mittlere und obere Kader verdient deutlich mehr als das Doppelte der Angestellten ohne Führungsaufgaben. Egalitärere Verhältnisse finden sich im Erziehungs- und Bildungswesen, im Sozialwesen, aber auch im Gastgewerbe, wo sich das Verhältnis auf 1 zu 1,39 beläuft. 

Diese markanten Unterschiede bei den Bruttolöhnen über die verschiedenen Wirtschaftszweige und Hierarchiestufen hinweg, die auch noch durch die Differenzen zwischen den Geschlechtern ergänzt werden müssen, stellen eine grosse gesellschaftliche Herausforderung dar. Wie können der soziale Zusammenhalt, der soziale Friede und die politische Stabilität angesichts dieser Verhältnisse in der Arbeitswelt gewahrt werden? 

Zwei Aspekte sind hier besonders wichtig: Zum einen braucht es ein hohes Mass an Chancengerechtigkeit in den frühen Lebensphasen. Alle Kinder und Jugendlichen sollten die gleichen Möglichkeiten haben, sich nach ihren Fähigkeiten und Interessen so auszubilden, wie sie das wollen, und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Wo vor allem die Leistung zählt, wird das Ergebnis auch eher akzeptiert. 

Zum anderen braucht es einen funktionierenden Sozialstaat, der für einen gewissen Ausgleich zwischen oben und unten sorgt und Schutz in den Wechselfällen des Lebens gewährleistet, unabhängig davon, wo man gerade in der Arbeitswelt positioniert ist. Eine solche sozialstaatliche Absicherung vermag materielle Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt zu relativieren. 

Den ersten Punkt hat die Schweiz noch immer nicht realisiert, den zweiten verspielen wir gerade.