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Foto: Ruben Holliger

Fussball
«Manchmal tue ich so, als ob ich nichts gesehen hätte»

Vladimir Petkovic und David Möller sind Schweizer Fussball-Nationaltrainer. Der eine trainiert Profis, der andere sozial benachteiligte Menschen. Unterschiedlicher könnten die Teams nicht sein, und doch gibt es Gemeinsamkeiten bei der Arbeit als Trainer.

Herr Petkovic, Sie haben als Sozialarbeiter gearbeitet. Könnten Sie sich vorstellen, Trainer der Surprise Strassenfussball-Nationalmannschaft zu werden und sie zum Homeless World Cup zu begleiten? 

Petkovic: Ja. Ich habe als Sozialarbeiter mit verschiedenen Menschen gearbeitet. Meine erste Station als Trainer war ein Team mit Kindern von sechs bis acht Jahren. Als Team-Chef muss ich mich immer anpassen, schauen, wen ich zur Verfügung habe und dann die richtigen Spieler für die richtigen Positionen auswählen.

 

Herr Möller, könnten Sie sich vorstellen, die Schweizer Nati zu trainieren?

Möller: Nein. Ich habe zu wenig Erfahrung, was den Profi-Fussball betrifft. Nur schon all diese Manager und Spielerberater würden mich verwirren. Ich bin schon mit acht Spielern zeitweise überfordert.  Und Herr Petkovic hat 23 Spieler zu betreuen.

 

Wieso sind Sie mit Ihren acht Spielern manchmal überfordert?

Möller: Ich bin mit meinem Team alleine. Ich plane die Reise, die Trainings, gehe mit verletzten Spielern ins Spital. Ich bin zuständig für alles: von der Aufstellung bis zum Pressetermin. Herr Petkovic hat einen Staff im Hintergrund.

Petkovic: Für meine jetzige Arbeit ist es ein Vorteil, dass ich früher auch so gearbeitet habe wie Herr Möller. Ich hatte zwar einen Goalietrainer und einen Mann, der mir bei der Organisation half. Aber die Trainings habe ich alleine zusammengestellt, auch die Konditionstrainings. Das hilft mir jetzt.

 

Die Spieler einer Mannschaft ziehen nicht automatisch am gleichen Strang: Wie machen Sie aus einem heterogenen Haufen Menschen ein Team?

Petkovic: Ich muss die verschiedenen Charaktere im Team dazu bewegen, dass sie näher zusammenkommen. Das ist der wichtigste und schönste Teil bei der Arbeit als Trainer: Diese Menschen zu einem Team zusammenzuschweissen. Und dass sie sich mögen, zumindest auf dem Platz. Dass ein Team auch neben dem Platz zu einer Gemeinschaft von Freunden wird, das wird wohl nie passieren. Dass alle immer zusammen essengehen. Aber die Akzeptanz und Toleranz des anderen ist wichtig. Damit sie auf dem Platz zusammenspielen.

Möller: Bei uns ist der sportliche Erfolg Nebensache. Gegen afrikanische und südamerikanische Mannschaften haben wir keine Chance. Unsere Leute sind physisch nicht so stark, sie haben meistens eine Suchtvergangenheit und sind ein wenig älter als viele Spieler anderer Mannschaften. Wir wissen von Anfang an: Wir haben keine Chance auf den Weltmeistertitel. Deshalb ist es wichtig, die Erwartungen rechtzeitig zu klären. Jeder Spieler setzt sich ein Ziel für den Cup, zum Beispiel: Selbstbewusstsein tanken. Auch wie wir die Freizeit gestalten, ist ein wichtige Frage.

Petkovic: Das ist ja kein Leistungssport.

Möller: Klar wollen wir als Team unser Bestes herausholen. Doch das geht nur, wenn die Spieler ihr Potenzial auch entfalten können.

 

Wie gelingt es Ihnen, dass die Spieler sich wohlfühlen?

Möller: Viel mit der Mannschaft reden: Wie wollen wir spielen, wer hat welche Stärken? Aber die Spieler brauchen auch oft persönliche Ermutigung. Einige haben ein tiefes Selbstwertgefühl, sie trauen sich wenig zu und schätzen auch Dinge schwieriger ein, als sie sind.Ist das bei Ihnen auch so, Herr Petkovic?

Petkovic: Nein,im Gegenteil: Manche Spieler haben ein zu grosses Ego. In meinem Team ist jeder Spieler ein Star. So muss ich auch mit ihnen umgehen. Ihnen das Gefühl geben, dass sie wichtig sind. Gleichzeitig muss ich ihnen beibringen, dass sie nicht unersetzlich sind, dass man auch ohne sie ein Spiel gewinnen kann.

 

Ist das sehr schwierig, einem Star klarzumachen, dass er auf die Ersatzbank muss?

Petkovic: Das ist nicht schwierig. Man muss den Stil, die Worte dazufinden. Es gibt auch Trainings und andere Momente, in denen sie selbst merken, was um sie herum geschieht, wie weit sie sind und ob sie bereit sind zu spielen – oder ob sie zweite Wahl sein werden. Manchmal erkläre ich das im Gespräch, manchmal sage ich nichts. Das ist ganz individuell, jeder Mensch hat seine Fähigkeiten und Schwierigkeiten und Charakteristiken. Kommunikation ist sehr wichtig.

 

Gibt es Situationen, in denen Sie das Gespräch verweigern?

Petkovic: Das habe ich vor der Europameisterschaft in Frankreich gemacht. Zwischen November und März bin ich viel gereist und habe viel mit den Spielern geredet. Ich habe ja nicht so oft Gelegenheit, mit den Spielern vor Ort zu sprechen. Sie spielen in sieben verschiedenen Ländern und ich muss viel reisen. Das ist anders als im Vereinsfussball. Nach den Freundschaftsspielen Anfang 2016 war ich nicht zufrieden mit der Einstellung einiger Spieler. Einen Monat lang habe ich niemanden kontaktiert. Erst vor dem nächsten Freundschaftsspiel habe ich den Kontakt wieder aufgenommen.

 

Gibt es Regeln auf dem Feld, in der Freizeit, an die sich die Spieler halten müssen? Gibt es auch Strafen?

Petkovic: Das Wichtigste ist, Grenzen zu setzen, die Spieler zu fordern und sie in die Pflicht zu nehmen. In der Nati gibt es eine Pflichtenliste und einen Bussenkatalog. Das müssen sie unterschreiben. Wer zu spät kommt, muss eine Busse in die Teamkasse bezahlen. Damit geht die Mannschaft essen.

Möller: Bei uns ist es wichtig, dass wir gemeinsam die Regeln über den Umgang miteinander definieren. Ich bringe Vorschläge ein und das Team entscheidet. Ich bin nicht Polizist, ich appelliere lieber an die Eigenverantwortung. Was geschieht, wenn ein Spieler sich nicht ausreichend erholt: Dann ist er nicht fit am nächsten Tag, und die anderen leiden. Oder wenn einer einen Joint raucht. Dann frage ich den Spieler, was ihm das bringt und ob er weiss, was das mit den Mitspielern macht. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich habe auch schon Spieler auf die Bank gesetzt, die sich nicht an die Regeln gehalten haben.

Petkovic: Manchmal ignoriere ich das Verhalten eines Spielers, kehre ihm den Rücken zu und tue so, als ob ich nichts gesehen hätte. Dann versuche ich mit anderen Mitteln als Strafen den Spieler zur Vernunft zu bringen. Manchmal hilft es, einen anderen Spieler oder eine Gruppe mit einzubinden und ihn oder sie aufzufordern, mit dem Fehlbaren zu reden. 

 

Im Strassenfussball hat Fairplay einen hohen Stellenwert, es gibt Punkteabzug für Fouls. Wie können die Profis fair spielen und trotzdem gewinnen?

Petkovic: Wir versuchen fair zu spielen, aber wir laden den Gegner nicht zum Toreschiessen ein. Wir pflegen das Eigeninteresse und respektieren den Gegner. Wir versuchen, eine positive Stimmung auf dem Platz zu bringen.

Möller: Ich frage die Spieler oft, was für sie Fairplay ist. Da kommen ganz unterschiedliche Ansichten und Erfahrungen zusammen. Den Gegner nicht zu attackieren und Tore schiessen zu lassen, ist auch nicht fair. Es gehört zum Spiel, das zu verhindern. Ein Foul ist nicht schlimm, aber ich muss mich beim Gefoulten entschuldigen. Die grösste Herausforderung für meine Spieler ist, nach einem verlorenen Spiel sich beim Gegner zu bedanken und das Spiel abzuschliessen. Denn wir verlieren öfter als wir gewinnen.

Petkovic: Ich sehe die Spiele wie ein Paket. Was vorher und nachher geschieht, spielt keine Rolle. Wichtig ist der Respekt vor sich selbst, vor dem Team und dem Gegner während des Spiels. So kommt das Fairplay automatisch zustande.

 

Gibt es Gruppenbildung in den Teams?

Möller: Ja, das ist normal, denn die Spieler haben unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. In der Freizeit gibt es Gruppen. Diese haben auch Einfluss aufeinander. Schwieriger wird es, wenn einer immer alleine ist. Wenn einer Aussenseiter ist, den Zugang nicht findet. Dann helfe ich ihm.

Petkovic: Uns hat dieses Thema vor der Europameisterschaft 2016 viel beschäftigt. Im Team gibt es verschiedene Gruppen, die verschiedene Sprachen reden. Seit November 2015 habe ich viel Zeit ins Teambuilding investiert. Zuerst nur mit den Spielern, dann auch mit dem ganzen Staff, insgesamt 50 Leute. Ich habe mit Symbolen gearbeitet. Mit einem Puzzleball oder einem Bumerang. Diese Dinge haben nun eine Bedeutung im Team bekommen. Oder wir haben an einem grossen Tisch zusammen gegessen, und ich habe versucht, die Spieler vom rechten Teil des Tisches näher an die Spieler vom linken Teil des Tisches zu bringen. Das hat ziemlich gut geklappt. Und es hatte direkte Auswirkungen auf die Ausstrahlung des Teams. Die Spieler sind näher zusammengerückt und strahlen eine positive Energie aus. Das merkt jeder auf und neben dem Platz. Wir erhalten deshalb vermehrt positive Rückmeldungen.

 

Welche Tipps können Sie einander geben?

Möller: Wir kochen gemeinsam, stellen einander unsere Lieblingslieder vor oder erzählen uns, was uns neben Fussball noch interessiert, was wir miteinander teilen können. Das wirkt sich auch auf dem Spielfeld aus.

Petkovic: Mit jeder Mannschaft muss man einen Stil und eine Linie finden. Oft suche ich bei Problemen das direkte Gespräch. Auf lange Sicht kommt dann viel Positives zurück. Die Spieler schätzen es auch, wenn man ehrlich mit ihnen ist.

 

Sie haben verantwortungsvolle Positionen und oft auch Stress. Wann lassen Sie beide Dampf ab?

Petkovic: Jeden Tag. Ich kann gut abschalten, das muss ich auch. Damit ich bereit bin für Neues. Das habe ich in der Zeit gelernt, als ich mehrere Aufgaben hatte. Ich ging zur Arbeit, traf meine Familie, war Spielertrainer, absolvierte eine Trainerausbildung und eine Schule für Erwachsenenbildung. Da habe ich gelernt abzuschalten: Ich konnte eine Tür zumachen und die nächste öffnen. Wer die Probleme vom einen zum nächsten Umfeld trägt, kommt nicht weiter.

Möller: Am Homeless World Cup haben wir ein langes Programm. Ich treffe andere Trainer, rede mit den Spielern, schaue andere Spiele. Ein Spaziergang weg vom Spielfeld hilft mir, offen zu bleiben und nicht an einem Problem zu lang herumzunagen.

Petkovic: Mir reicht es auch manchmal, einfach im Auto zu sitzen und meine Musik zu hören. Oder in einem Restaurant essen zu gehen. Ich muss jeden Tag abschalten. Ich bin nicht ein Mensch, der sich sagt, jetzt maloche ich bis Sommer und dann ab ans Meer. Das kann ich nicht.