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Tour de Suisse
Pörtner am Eigerplatz

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Verwehte Masken und Take-away-Sprengsel verunzieren den Platz vor dem Grossverteiler. Sie werden wohl noch eine Weile zum Litteringprofil der Städte gehören. Immerhin ist es warm genug, um draussen zu essen, auf den Betonkreisen, die um dürre Bäumchen und einen Lüftungskamin angelegt sind. Ein Kind hat Streit mit der Mutter und der grossen Schwester, ein Velofahrer überlässt einem Fussgänger den Vortritt, obwohl das bedeutet, dass er am Hang anfahren muss. Das Schuhgeschäft verteilt Ballons an Plastikstängeln. Die Schwestern haben die Strasse überquert und sind wieder versöhnt. Hula-Hoop-Reifen werden spazieren oder ins Training geführt, obwohl Trainings gar nicht stattfinden dürfen, ausser vielleicht im Park.

Es herrscht Feierabendverkehr trotz Homeoffice-Pflicht.

Beim Hintereingang des Einkaufszentrums gibt es ein Bestattungsinstitut. Diese sieht man hierzulande selten, ganz im Gegensatz zu den USA. Dort lief vor zwanzig Jahren die Serie «Six Feet Under», die von einer Bestattungsunternehmerfamilie handelte. Damals waren anspruchsvolle Serien etwas ganz Neues, oft Benasenrümpftes. Spätestens seit der Corona-Krise sind sie die am Weitesten verbreitete Form der Zerstreuung. Die gesamte sehenswerte Serie kann inzwischen wohlfeil gebraucht auf DVD erworben werden.

«Liebdi säuber» steht auf einem Mäuerchen, was passt, denn hier verläuft der Philosophenweg. Bestimmt gibt es irgendeinen Philosophen, der das gesagt hat. Hinter der philosophischen Weisheit ist eine Bank angebracht, unter der ein paar vergessene oder entsorgte orange Plastiklatschen liegen. Eigentlich ist es noch zu früh im Jahr zum Sandalen liegen lassen und aus Versehen barfuss nach Hause gehen. Die Wärme ist überraschend gekommen, die Leute, die auf dem Heimweg sind, tragen Mäntel und Mützen. Vielleicht liegen sie seit dem letzten Sommer da, als Füsse im Brunnen gekühlt wurden.

Ein junger Mann und eine junge Frau mit Skateboards treffen sich, aber nicht zum Skateboarden, sondern zum Pingpongspielen. An einer Vorverkaufsstelle hängen Plakate mit lauter gestrichenen Konzerten. Eine grosse Agentur kündigt Bands vorsichtshalber ohne Datum an. Die meisten sind schon seit Jahrzehnten im Geschäft, eine ist seit knapp dreissig Jahren auf Abschiedstournee. Der Kiosk ist halb ausgeräumt, der Plattenladen hingegen wieder offen. Aber erst am Donnerstag.

Auf einem dreieckigen Kiesplatz lässt sich die Abendsonne geniessen, Stühle und Bänke stehen bereit, Bier wird mitgebracht, der Abstand eingehalten. Der Kostümverleih wird trotz Fasnachtszeit keine guten Geschäfte machen. Gefragter sind wahrscheinlich die nebenan angebotenen Bewerbungsfotos. Trotz der freien Bänke bevorzugt ein junger Mann den Elektrokasten beim Papierkorb als Verweilplatz. Der Ort ist strategisch gut gewählt, bald kommt ein kistenbeladener Bekannter vorbei, die beiden unterhalten sich. «Die Nacht gehört dir», verspricht ein vorbeifahrender Bus. Was angesichts des nicht stattfindenden Nachtlebens wohl stimmt. Nur was damit anfangen, ist die Frage. Abwarten und Bier trinken.